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Vereine stellen Altpapiersammlungen ein, was nun?

Symbolbild

Bild: Pixabay

Von Sofie Wirth | 04.12.2020 7:54 | 3 Kommentare

Ende November kam die Information von der Stadtverwaltung: Stutenseeer Vereine stellen Altpapiersammlungen ein (meinstutensee.de berichtete). In Zukunft werden die Straßensammlungen durch ein System der “Blauen Tonne” ersetzt, deren Leerung alle vier Wochen erfolgen soll.

Das neue System der Vereinsunterstützung über die “blauen Tonne” ist in Zusammenarbeit mit der Firma Kühl entstanden. Ab 2021 haben Bürger:innen die Möglichkeit, ihr Altpapier/Kartonagen entweder über die „Blaue Tonne“ zu entsorgen oder das lose Altpapier/Kartonagen an den Abfuhrtagen der „Blauen Tonne“ an den Straßenrand zu stellen. Das Aufstellen der Tonne sei kostenlos – für die Erstbestellung erhalten die Vereine eine einmalige finanzielle Unterstützung. Die Entsorgung erfolge dann zusammen mit der Leerung der „Blauen Tonne“ mindestens alle vier Wochen, lautet der Pressebericht der Stutenseer Vereine. Der gesamte Erlös werde als Vereinsunterstützung der Jugendarbeit gutgeschrieben.

Hintergrund für die Umstellung sei neben dem Einbruch der Altpapierpreise auch die Notwendigkeit einer sortenreinen Sammlung gewesen. Nur sortenrein – Papier getrennt von Karton – ist das System rentabel. Damit keine ungeeigneten Materialien am Straßenrand zurückgelassen werden müssen, haben sich die betroffenen Vereine für das für alle Stutenseer Stadtteile einheitliche System entschieden.

Das Altpapier, das über die “Blaue Tonne” entsorgt wird, fehlt in der Wertstofftonne des Abfallwirtschaftsbetriebs. Für die öffentliche Abfallwirtschaft hat das niedrigere Erlöse zur Folge. Zwar sind, das berichtet das Landratsamt Karlsruhe auf Anfrage, gemeinnützige Altpapiersammlungen von Vereinen völlig unabhängig von der öffentlichen Müllabfuhr, dennoch können “fehlende Erlöse für das Altpapier selbstverständlich zu höheren Abfallgebühren führen”. Der Abfallwirtschaftsbetrieb habe letztlich keinen Einfluss darauf, mit welchen Unternehmen die Vereine ihre Altpapiersammlungen durchführen. Jede/r Bürger:in entscheidet damit selbst, wie ihr bzw. sein Altpapier entsorgt werden soll.

Weitere Infos zur ‘Blauen Tonne’ finden sich auf der dazugehörigen Website der Firma Kühl.

Bildquellen

  • Blaue Tonne: Pixabay

Kommentare

-kwg-

Bleibt letztendlich nur noch zu hoffen, dass durch die ständige Erweiterung von noch mehr Tonnengefäßen der Abfallwirtschaft, die Hof- und Gebäudezufahrten nicht auch noch verlängert, in manchen Fällen verbreitert werden müssen und dadurch die geplante bauliche Innenverdichtung in Gefahr gerät. Das Zeitalter der aufzubewahrenden Mülltonne in der zweiten Reihe, hat hiermit seinen Anfang genommen, und beim nächsten Autokauf muss an eine Diätversion eines SUV gedacht werden.

Old Shatterhand

Die Leute sollten sich im klaren sein, dass die “Blaue Tonne” einem privaten Betreiber einen ordentlichen Gewinn einbringt, sonst würde es das wohl kaum machen. Wer sein Papier also der Firma Kühl anvertraut und nicht dem Landkreis, der trägt aktiv dazu bei, dass die Abfallgebühren steigen. Ein Bärendienst für uns alle!
Es bleibt auch abzuwarten, wie lange die Firma Kühl den Vereinen für die Werbung, die sie für die Blaue Tonne machen, eine finanzielle Untersützung zukommen lässt. Solche wohltätigen Versprechen eines kommerziellen Unternehmners schmelzen wie Eis in der Sonne.

klaus w.

Hierzu soll noch etwas mehr Licht ins Dunkle gebracht werden. Sind unsere Vereine, sonderbar naiv, den “wohltätigen Verprechen eines kommerziellen Unternehmers” aufgesessen?

Zunächst soll angeführt werden, dass sicherlich kaum ein Verein die Straßensammlung hat freiwillig aufgeben wollen, ganz im Gegenteil.

Doch die Preisentwicklung des Altpapiers auf dem Weltmarkt hat sich in den letzten Jahren drastisch verschlechtert. Der Onlinehandel sorgte einerseits für deutliche Papiermüllzunahme während andererseits China, in dessen drastische Müll-Importbeschränkungen begründet, der Weltweit größte Abnehmer seine Schleusen schloss. (https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/altpapier-flut-china-macht-die-preise-kaputt/25244564-2.html)

Der Bedarf “heimischer” Verwerter war schnell gedeckt, was dazu führte, dass Entsorgungsbetriebe nicht nur schmerzhaft geringe Absatzzahlen verbuchen, sondern auch zunehmend spekulativ Lagerflächen zumieten mussten, um “günstigere” Absatzzeitpunkte zu erhaschen. Natürlich stets auch verbunden mit entsprechenden Einbußen – auch für die Vereine (je nach Vertrag mit Nullrunden / geringsten Pflichtanteilen). Zugleich begannen damit die Bemühungen der Entsorger die Vereine zu günstigeren Sammelverfahren zu drängen; weg von der zeit-, organisations- und mitarbeiterintensiveren Fahrzeugsammlung, über die Aufstellung von Pressen auf Vereinsgelände hin zu – wer kann es erahnen – der blauen Tonne.
Wofür soll sich ein Vereinsvorstand entscheiden, wenn es entweder nichts oder eine Kröte zum Schlucken gibt? Selbstverständlich war es den Vereinen bereits damals bewusst, dass dies langfristig keine Entwicklung zu ihren Gunsten sein würde.

Zwar übertrifft die Qualität des händisch gesammelten Altpapiers die des Papiers aus der Werstofftonne, welches ja wertvermindernt und aufwändig aus dem Werstoffmüll sortiert werden muss, doch reichte auch dieser Mehrwert der Straßensammlung als Kostenargument nicht mehr aus, um mehr Verhandlungsgewicht in die Vereinswaagschale zu legen. Die Entsorger deuteten immer stärker an, sich bei entsprechender Fortentwicklung der Preislage aus der Sammlung zurückzuziehen.

Das größte Pfund seitens der Vereine war stets eine Ausnahmegenehmigung des Landkreises. So ist die Abfallbeseitigung entsprechend der Abfallgesetze von Bund und Land zunächst rechtlich eine Pflicht des Landkreises. Durch die bereits erwähnte Ausnahmegenehmigung wurde den Vereinen dankenswerterweise land(kreis)auf und land(kreis)ab das Altpapiersammeln parallel zur Wertstoffsammlung gestattet. Das Entsorgungsunternehmen war, um überhaupt sammeln zu dürfen, auf eine Vereinbarung akzeptabler Konditionen mit den Vereinen angewiesen.

Mit langfristigem Einbrechen des Altpapiermarktes jedoch, ergab sich die nun verzwickte Ausgangssituation:
Die Entsorger stehen den Vereinen für Sammlungen nicht mehr zur Verfügung, wenn die Verkaufserlöse die Kosten zzgl. der Vereinsanteile absehbar nicht mehr tragen.
Den Vereinen droht, ganz simpel, der Wegfall von Sammelerlösen die dem Aufwand der Sammlung angemessenen sind. Alleine sammeln, sortieren und  ggf. bis zum günstigen Punkt irgendwo lagern ist heutzutage keine Option mehr.
Dem Landkreis droht ein deutlich gesteigertes Aufkommen wenig lukrativen Papiermülls, der nicht nur zusätzlich eingesammelt sondern ggf. noch zwischengelagert werden muss.

Und wer tat sich in dieser Not als Retter des Landkreises auf? Ein Entsorger, der dem Landkreis bei seiner Pflicht der Abfallentsorgung behilflich sein könnte, da er, wie es der Zufall so will, praktischerweise bereits über entsprechende logistische Strukturen verfügt: die Blaue Tonne. Kostenoptimalerweise natürlich ohne monetären Abfluss in Richtung Vereinsheime.

Die jetzt gefundene Lösung wird die Sammlung mit der Blauen Tonne auf viele Jahre hin zementieren. Der Landkreis wird sich nicht unmittelbar mit der Papiersammlung herumschlagen müssen. Und die Vereine erhalten immerhin noch mindestens einen Pflichtanteil an der Tonnensammlung.

Vielleicht feiert sie bald Einzug auf der Vereinsfest-Speisekarte, die Kröte.