Vergangenen Freitag fand das hundertste Konzert im Familienzentrum “Kultcafé” Friedrichstal statt. Von Anfang an wird die Veranstaltungsreihe ehrenamtlich von Winfried Uhrig organisiert.
Wer an einem Konzertabend den Ratssaal im Alten Rathaus Friedrichstal betritt, ahnt kaum, wie nüchtern der Raum im Alltag aussieht. PVC-Boden, Einbauschrank, Leuchtstoffröhren – Verwaltungsflair statt Konzertzauber. Doch bevor die ersten Töne erklingen, verwandelt Winfried Uhrig diesen kargen Ort. Ein schwarzer Vorhang deckt die Schrankwand ab, ein paar Scheinwerfer tauchen die Bühne in warmes Licht. „Das sieht einfach schöner aus, wenn die Musiker nicht vor dieser Schrankwand stehen“, sagt Uhrig und lächelt zufrieden. Mit wenigen Handgriffen wird aus der Amtsstube ein Konzertsaal.
Im Oktober 2013 begann alles mit einem Auftritt der Songgruppe Arche 58 im Kultcafé Friedrichstal. 4010 Besucherinnen und Besucher haben seither die insgesamt 99 Konzerte erlebt, die Uhrig organisiert hat. Am vergangenen Freitag nun das hundertste, ein Jubiläum mit dem renommierten Jazzmusiker Peter Lehel. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Die Konzerte 101 und 102 sind schon in Vorbereitung. Der Eintritt ist immer frei, Spenden gehen direkt an die Künstler.
„Zu Hause wurde viel gesungen“, erzählt der 78-Jährige, der in Mannheim aufwuchs. Früh kam er mit der Musik in kirchlichen Jugendgruppen in Berührung – Lieder aus aller Welt, gesungen in Gemeinschaft. Eine gebrauchte Geige war sein erstes Instrument, „aber das war nichts für mich“, erinnert er sich. Beruflich führte ihn sein Weg nicht in die Musik, sondern in die Sozialarbeit: In Ludwigsburg studierte er an der Evangelischen Fachhochschule, später entwickelte er bei der Stadt Karlsruhe das Konzept der Wohnungslosenhilfe – ein Modell, das sich bis heute bundesweit sehen lassen könne, wie er meint.
Musik aber blieb immer ein fester Teil seines Lebens. Mit Freunden gründete er die Band Ratatui, die sich auf Klezmer und Balkanmusik spezialisierte. Zehn Jahre lang spielten sie gemeinsam, bis der Tod seiner Frau Anfang der 2000er-Jahre die Gruppe auseinanderbrechen ließ. „Das hat mir sehr gefehlt“, sagt Uhrig leise. Doch an Aufgeben dachte er nie. Stattdessen entstand die Idee, anderen Musikerinnen und Musikern eine Bühne zu bieten – als Impresario, wie er es nennt, jemand, der Dinge ermöglicht.
So begann die Friedrichstaler Konzertreihe. Zehn Jahre lang brachte Uhrig jährlich rund zehn Konzerte auf die kleine Bühne, inzwischen sind es acht. Weltmusik steht im Mittelpunkt, einmal im Jahr Jazz. Die besonderen Bedingungen – geringe Distanz zwischen Publikum und Künstlern, familiäre Atmosphäre, kein kommerzieller Druck – wissen alle Beteiligten zu schätzen. „Ich kann mich nicht retten vor Anfragen“, sagt Uhrig lachend. „Obwohl ich keine feste Gage zahlen kann.“
Heute kommen die Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Region. Die treue Stammkundschaft ist kleiner geworden, doch neue Gesichter füllen die Reihen. Für das hundertste Konzert mussten Anmeldungen angenommen und sogar Absagen verschickt werden – ein Luxusproblem für eine ehrenamtlich organisierte Veranstaltungsreihe.
Am 27. Februar geht es weiter mit dem 101. Konzert: Arche 58, jene Gruppe, mit der alles begann, wird wieder auftreten – mit Liedern aus Frankreich, Griechenland, Okzitanien und Korsika. Winfried Uhrig wird wieder im Ratssaal stehen, die Scheinwerfer ausrichten und den Vorhang über den Schrank ziehen. Alles wie immer – und doch jedes Mal wieder neu.



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