Kirchenchor: Kraft für den Alltag

Ev. Kirchenchor Blankenloch

Bild: Sylvia Ganter

Von Sylvia Ganter | 03.04.2026 15:04 | Keine Kommentare

Chöre prägen das kulturelle Leben einer Stadt. Sie vereinen Menschen aller Generationen, bringen unterschiedlichste Stimmen zusammen und schaffen musikalische Begegnungsräume – von der festlichen Kirchenmusik bis zum modernen A-cappella-Ensemble. Ihre Vielfalt spiegelt sich in Repertoire, Tradition und Engagement wider und bereichert nicht nur das musikalische Angebot, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander. Mit dieser Beitragsreihe will meinstutensee.de die Chöre in Stutensee näher vorstellen: Wer singt hier? Was motiviert die Sängerinnen und Sänger? Welche Geschichten stehen hinter den Chören?

Der Kirchenchor der Michaelis-Gemeinde Blankenloch

Im Blankenlocher Kirchenchor singen 20 Sängerinnen und Sänger in einer generationsübergreifenden Gruppe unter der Leitung von Werner Breitenstein. Die jüngste Sängerin wurde 1991 geboren, die drei Ältesten sind um die 90 Jahre. Dass der Altersunterschied hier keine Rolle zu spielen scheint, ist an der lockeren, fröhlichen Atmosphäre und der herzlichen Umgangsweise erkennbar. Die Choristen betonen, dass das gute Miteinander und die Freude, gemeinsam zu singen, gute Laune mache und dass das Singen ihnen Kraft für den Alltag verleihe.

Was einen Kirchenchor von anderen Chören unterscheidet, beschreibt ein Chormitglied so: “Musik befreit den Kopf und ordnet das Viele, das den Tag über auf einen einströmt. Dabei Gott zu loben, ist ein großes Plus und gibt Gelegenheit, den Glauben in Gemeinschaft zu leben!“ Das sakrale Liedgut gebe Trost und Halt, und das Singen hier mache einfach Spaß, betont ein anderer Mitsänger.

Eintrittskarte Kirchengesangfest 1896

Der Kirchenchor – ein Chor mit Geschichte

Der kirchliche Chorgesang erlebte nach dem Reformationsjubiläum im Jahre 1817 eine Renaissance, man wollte den Kirchengesang im Sinne Martin Luthers stärken. Für Luther war der Gesang eine zentrale Ausdrucksform des Evangeliums, Gebet und Verkündigung zugleich. Auch in Blankenloch gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts einen ersten Kirchenchor, der allerdings nur kurz existierte. Angestoßen von einer Visitationskommission im Jahre 1891 wurde noch im selben Jahr ein „Kirchengesangsverein“ ins Leben gerufen. Dieser Zeitpunkt gilt somit als „Geburtsstunde“ des Kirchenchores der Michaelisgemeinde, er besteht inzwischen seit 135 Jahren und hat sich zu einer festen Größe im Gemeindeleben entwickelt. Bereits fünf Jahre später gab es ein erstes Konzert.

Die Menschen hinter dem Chor

Susanne Reiter, Werner Breitenstein

Werner Breitenstein leitet den Kirchenchor der Michaelis-Gemeinde seit 1991.

„Bei uns steht nicht der Leistungsgedanke im Vordergrund”, erklärt er. “Neben der Freude am Singen spielt auch die soziale Komponente eine wichtige Rolle. Viele im Chor kommen wegen der Gemeinschaft, die wir hier haben.”

Breitenstein ist in Blankenloch aufgewachsen, Musik spielte für ihn von klein auf eine Rolle. Nach dem Flöten- und Akkordeonunterricht folgte das Klavier und in den 1980-er Jahren sang er selbst in einem Chor mit. Im Jahre 1990 gründete er einen Jugendchor in der Michaelisgemeinde und konnte dabei erste Leitungserfahrungen sammeln.

Außer dem Chor in Blankenloch leitet er noch einen katholischen Kirchenchor in Jöhlingen und den Chor „Aufwind“ der katholischen Kirchengemeinde Stutensee-Weingarten. „Die Arbeit mit den Chören bringt viele Herausforderungen mit sich”, sagt Breitenstein. “Die musikalische Gestaltung macht mir dabei besonderen Spaß: Auswahl und Bearbeitung von Musikstücken, passend zu den jeweiligen Gruppen und Anlässen, sei es zum Gottesdienst oder zum Konzert, die Zusammenstellung von Programmen – möglichst zur Freude sowohl der Mitwirkenden als auch der Zuhörenden“, sagt der Chorleiter. Für den studierten Volkswirt und Musikwissenschaftler scheint die Arbeit mit den Chören eine gute Ergänzung zu sein. Er schreibt eigene Lieder für seinen Chor und hat dabei stets das, was jeder einzelne beitragen kann und wozu er befähigt ist, im Blick. Die Sängerinnen und Sänger kommen gerne. Und genau das scheint Werner Breitenstein zu seiner Arbeit zu motivieren.

„Wir singen, weil es uns Spaß macht und guttut, wir singen Lieder der Freude, wir singen Loblieder, Verkündigungslieder, Segenslieder”, schreibt Dr. Susanne Reiter, die 1. Vorsitzende des Kirchenchors in der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen des Chores. “Wir singen Mutmachlieder, begonnen mit zittriger Stimme und dann Sicherheit findend in der singenden Gemeinschaft, und wir singen Trostlieder. Und oft entsteht die wahre Bedeutung der Lieder erst durch den Anlass, bei dem gesungen wird.”

Susanne Reiter singt selbst im Chor mit und ist seit 30 Jahren die 1. Vorsitzende des Kirchenchors. Zu ihren Aufgaben gehört es, neben organisatorischen Bereichen und Vereinsformalien, auch Repräsentationen wie Reden und Nachrufe zu halten. Motivierend an ihrer Aufgabe ist für sie die Freude, dass sie es vielen lieben Menschen mit ermöglichen kann, das Singen in der Gemeinschaft zu erleben, die auch sie selbst empfinde.

„Die Chorproben und Auftritte sind für viele ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags und das Ganze in einem Rahmen ohne Leistungsdruck und Konkurrenz“, sagt sie. Reiter entdeckte ihre Leidenschaft für Musik erst während ihrer Schulzeit am Gymnasium durch ihre sehr musikalische Klasse und ihren Freundeskreis.

Konzerte und Auftritte

Neben der Mitwirkung in Gottesdiensten und Geburtstagen gestaltet der Chor auch immer wieder Konzerte im Rahmen der Kirchengemeinde oder bei lokalen Kulturveranstaltungen. So wurde vor sieben Jahren eine kleine Serie gestartet: Jedes Jahr im August gibt es die „Sommer-Serenade“ mit einem bunten, lustigen Programm, bei dem ein bunter Reigen verschiedener musikalischer Genres geboten wird. Dabei kommen neben Breitensteins drei Chören auch Solisten zum Einsatz.

Nachdenkliches…

„In einer Zeit, in der Menschen zunehmend nach möglichst viel Freiheit streben, besteht die Gefahr, dass das soziale Miteinander zu kurz kommt. Dabei ist gemeinsames Musizieren oder Singen besonders wichtig, denn hier entsteht Gemeinschaft schon automatisch dadurch, dass man beim Singen aufeinander achten muss und darauf angewiesen ist, von der Gruppe stimmlich unterstützt zu werden“, erklärt Susanne Reiter.

Auch Werner Breitenstein bedauert wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen das veränderte Freizeitverhalten, das viele Menschen davon abhält, sich an einen Verein oder eine Gruppe zu binden. „Dabei geht es bei uns gar nicht so streng zu, wie vielleicht viele meinen“, sagt er schmunzelnd.

Proben und Mitmachen

Die Proben des Kirchenchors finden jeden Montag um 19:30 bis 21:00 Uhr im evangelischen Gemeindehaus der Michaelisgemeinde, Gymnasiumstraße 27 statt. Neue Sängerinnen und Sänger sind jederzeit willkommen.

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