„Das Wir macht den Klang!“

Auftritt des Rhythmus-Chors beim Jubiläumskonzert

Bild: Martin Strohal

Von Sylvia Ganter | 07.12.2025 17:18 | Keine Kommentare

Chöre prägen das kulturelle Leben einer Stadt. Sie vereinen Menschen aller Generationen, bringen unterschiedlichste Stimmen zusammen und schaffen musikalische Begegnungsräume – von der festlichen Kirchenmusik bis zum modernen A-cappella-Ensemble. Ihre Vielfalt spiegelt sich in Repertoire, Tradition und Engagement wider und bereichert nicht nur das musikalische Angebot, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander. Mit dieser Beitragsreihe will meinstutensee.de die Chöre in Stutensee näher vorstellen: Wer singt hier? Was motiviert die Sängerinnen und Sänger? Welche Geschichten stehen hinter den Chören?

Rhythmus-Chor” beim Liederkranz Spöck

Montagabend – Vereinseim der Liederkanz Spöck. Ein fröhliches Stimmengewirr erfüllt den Raum. Zeit für die Probe des Rhythmus-Chores. Hier singen etwa 22 Frauen und acht Männer zwischen 25 und 75 Jahren.

„Singen entspannt mich und bringt Freude“, sagt eine der Sängerinnen. „Bei mir hat das Singen im Chor einfach Tradition, und in diesem Chor singe ich besonders gern, schon wegen der Chorleiterin und der guten Gemeinschaft die wir haben.“ Eine andere Kollegin pflichtet ihr bei und erklärt, dass sie bereits im Alter von sechs Jahren in diesem Verein gesungen hat und im Rhythmus-Chor jetzt schon seit 30 Jahren. Nach jeder Probe gehe sie gut gelaunt nach Hause. „Bei mir ist die Liebe zur Musik mein Antrieb und die Freude, wenn wir tolle Auftritte haben“, erklärt ein weiteres Chormitglied. Singen scheint glücklich zu machen, das jedenfalls lassen die Äußerungen der Chormitglieder vermuten.

Rhythmus-Chor bei der Probe

Die Menschen hinter dem Chor

Chorleiterin Ruth Engelhardt begleitet den Chor seit 1991, nachdem sie zuvor in Schollbrunn bereits neun Jahre einen Kinder- und Jugendchor, zeitweise auch einen Männerchor geleitet hatte.

„Mich fasziniert die Kraft, die entsteht, wenn Menschen gemeinsam singen“, sagt sie. „Denn jede Stimme bringt etwas Eigenes mit, das sich in einem Chor zu etwas Größerem entwickelt.“ Etwas von dieser „Kraft“ konnte man am 25. Oktober beim großen Konzertabend des Liederkranz Spöck spüren. Da präsentierte sich der Rhythmuschor mit moderneren Werken und Choreographien. Mit dabei war auch der jüngste Chor „Remix“ für Leute ab 15 bis Anfang 30 Jahren, ebenfalls unter der Leitung von Engelhardt. Beide Chöre singen aktuelle, moderne Songs, Stücke aus Musicals, Filmen, aber auch anspruchsvolle accapella-Stücke und Gospels.

Rhythmus-Chor vor dem Vereinsheim

Engelhardt leitet die Chöre nebenberuflich nach getaner Arbeit als Lehrerin. Dabei scheint sie die Arbeit mit den Chören als willkommene Ergänzung in ihrem Alltag zu begreifen. „Ich erlebe in der Chorarbeit immer wieder, wie Menschen durch das Singen aufblühen und über sich hinauswachsen. Das zu begleiten und zu fördern, ist für mich ein großes Geschenk und mein Motor“, sagt sie.  „Deshalb“, so Engelhardt, „ist Chorleitung für mich nicht nur musikalische Arbeit – es findet immer auch Begegnung statt. Wenn ein Chor gemeinsam klingt, wird hörbar, was es bedeutet, Teil eines Ganzen zu sein. Und genau das ist es, was mich immer wieder antreibt!“

Als Chorleiterin genieße sie die Momente, wenn sich einzelne Stimmen zu einem gemeinsamen Klang verweben und den Raum erfüllen, das erzeuge ein Gänsehautfeeling, das deutlich macht: Musik verbindet, berührt und verwandelt Menschen.

Dirigentin Ruth Engelhardt am Klavier mit Vereinsvorsitzender Gudrun Süß

„Man kann mit Fug und Recht sagen, dass wir zwar ein ‘alter’ Verein sind, aber keinesfalls altmodisch ”, sagt Gudrun Süß, die seit 2012 erste Vorsitzende des Liederkranz ist. Sie sieht ihren Verein aufgrund der Vielfalt gut aufgestellt für die kommenden Jahre. Als Vorsitzende hat sie organisatorische und repräsentative Aufgaben, die sie neben ihrem Beruf als Juristin ausübt.

Gudrun Süß singt selbst im Rhythmus-Chor und im Gemischten Chor mit und blickt auf eine intensive musikalische Prägung seit ihrer Jugend im Helmholtz-Gymnasium Karlsruhe zurück. „Es macht großen Spaß, gemeinsam zu singen und zu spielen, denn das Gefühl, etwas selbst oder gemeinsam erschaffen zu haben, das dann vor Publikum aufzuführen und Applaus dafür zu erhalten, das ist mit nichts zu vergleichen“, schwärmt sie.  Dies sei auch beim Jubiläumskonzert am 25. Oktober 2025 deutlich geworden.

Jubiläumskonzert 125 Jahre Liederkranz Spöck

Der Liederkranz – ein Verein mit Geschichte

Fünf Chöre für unterschiedliche Zielgruppen bietet der Liederkranz Spöck derzeit an: neben dem Rhythmus-Chor und REMIX den Gemischten Chor, einen Frauenchor und einen Männerchor sowie die Guggenmusik. Daneben gibt es zu besonderen Auftritten einen „Projektchor“ und einen besonderen Männerchor, die so genannten „Stehkräge“.

Der Liederkranz kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Er wurde im Jahr 1900 von einem Spöcker Missionar ursprünglich als “Gebets- und Singstunde” mit zunächst 40 jungen Männern gegründet. 1901 erfolgte die Umbenennung in “Liederkranz”. Das rein geistliche Repertoire wurde auf Volks- und Heimatlieder erweitert. Zum bestehenden Männerchor kamen im Laufe der Zeit ganz verschiedene Chorformationen hinzu, so beispielsweise 1982 der Jugendchor, aus dem der heutige Rhythmuschor hervorgegangen ist, 1988 der Frauenchor und der Kinder-Jugendchor, 1997 die Guggenmusik und als „jüngster“ Spross REMIX. Seit 1999 hat der Liederkranz ein eigenes Vereinsheim.

Nachdenkliches…

„In der heutigen Zeit ist es leider so, dass es keinesfalls mehr selbstverständlich ist, Mitglied in einem Gesangverein zu sein”, sagt Gudrun Süß. Ausgleich nach einem langen Arbeits- oder Schultag werde eher auf der sportlichen Ebene gesucht. Im Bereich der Musik biete die Technik gerade für die Jugend andere, vielfältigere Möglichkeiten. „Das Vereinsleben an sich, so wie es früher war, wird nicht mehr geschätzt,“ sorgt sich Süß. Heute sei man nicht mehr auf Angebote im Ort angewiesen, weil man mobiler sei als früher. Daher stelle sich auch die Nachwuchs-Gewinnung heute schwieriger dar.

„Wir leben in einer Zeit, in der vieles immer schneller, lauter und individueller wird”, ergänzt Ruth Engelhard. “In einem Chor zählt nicht das Ich, sondern das Wir! Und doch merke ich, dass dieses „Wir“ für viele Menschen gar nicht mehr selbstverständlich ist.” Chorarbeit zwinge dazu, präsent zu sein, zuzuhören, sich einzufügen und auch einmal zurückzunehmen. Engelhardt bewege sehr, dass gemeinsames Singen immer seltener werde. “Früher gehörte es zum Alltag – in Familien, Schulen, Kirchen, Vereinen“.  

Engelhardt bedauert, dass Musik heute oft als etwas auftauche, das konsumiert werde, kaum noch selbst gestaltet. Chöre würden hier einerseits ein Stück gemeinschaftlicher Kultur bewahren, andererseits müssten sie aber zugleich um Aufmerksamkeit kämpfen in einer Zeit, die andere Prioritäten setze. Auch die zunehmende gesellschaftliche Spaltung mache sie nachdenklich. In einem Chor hingegen könnten Menschen miteinander klingen, die im Leben sonst kaum Berührung hätten. Unterschiedliche Stimmen, Meinungen, Lebenswege – und trotzdem entstehe Harmonie. „Diese Erfahrung ist kostbar, weil sie zeigt, dass Zusammenklang trotz Verschiedenheit möglich ist,“ betont die Chorleiterin.

Trotz dieser Herausforderungen sehen die beiden den Liederkranz auf einem guten Weg und hoffen, dass es auch so weitergehen kann.

Infos zum Chor

Die Proben des Rhythmus-Chores finden wöchentlich montags von 19:30 Uhr bis 21:00 Uhr im Vereinsheim des Liederkranz statt.

Gesangsverein Liederkranz Spöck 1900 e.V.
Emil-Nagel-Weg 1
76297 Stutensee-Spöck

Der Liederkranz Spöck ist auch im Internet zu finden: gvl-spoeck.clubdesk.com

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