Stutensee verschiebt klimaneutrale Verwaltung um zehn Jahre

Symbolbild

Bild: distelAPPArath/pixabay.com

Von Martin Strohal | 08.08.2026 18:26 | Keine Kommentare

Der Gemeinderat hat in seiner öffentlichen Sitzung am 20. Juli beschlossen, das Zieljahr für eine klimaneutrale Stadtverwaltung von 2030 auf 2040 zu verschieben. Mit 22 Ja-Stimmen bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung folgte das Gremium der Empfehlung der Verwaltung. Grund für die Anpassung ist die aktuelle Treibhausgasbilanz. Die Erhebung zeigt, dass der bisherige Einsparpfad deutlich verfehlt wird. Der von den Grünen vorgeschlagene Kompromiss, 2035 als Ziel festzulegen, fand keine Mehrheit.

Aktuelle Emissionen liegen deutlich über dem Zielpfad

Laut dem vorgelegten Sachstandsbericht sanken die Treibhausgasemissionen der Verwaltung zwischen 2021 und 2023 zwar von 3.655 Tonnen auf 3.223 Tonnen pro Jahr. Um das ursprünglich im Jahr 2023 gesteckte Ziel einer klimaneutralen Verwaltung bis 2030 zu erreichen, hätte der Ausstoß jedoch jährlich um rund 30 Prozent sinken müssen. Für das Jahr 2023 lagen die tatsächlichen Emissionen um 44 Prozent über diesem Pfad.

Die Verwaltung bezeichnete das Ziel für 2030 unter den aktuellen personellen und finanziellen Rahmenbedingungen als nicht realistisch. Mit der Verschiebung auf das Jahr 2040 gleicht Stutensee seine Vorgabe an das Ziel des Landes Baden-Württemberg an. Für diesen Zielpfad ist eine jährliche Minderung um 15 Prozent nötig. Im Jahr 2023 lag die Stadt hierbei allerdings um 18 Prozent über dem angestrebten Wert. Als Zwischenziel sollen die Emissionen bis zum Jahr 2030 um 80 Prozent gegenüber dem Startjahr 2021 sinken.

Gebäude verursachen den Großteil der Emissionen

Die Auswertung der Daten zeigt, wo die Hauptursachen für den Energieverbrauch und den Schadstoffausstoß der Verwaltung liegen:

  • Gebäudesektor: Etwa 70 Prozent des Endenergieverbrauchs und rund 60 Prozent der Emissionen entfallen auf städtische Gebäude. Erdgas deckte 2023 mit 44 Prozent weiterhin den größten Teil des Energiebedarfs ab.
  • Stromverbrauch: Strom verursacht mehr als die Hälfte aller Treibhausgasemissionen der Verwaltung (2023: 54 Prozent). Der größte Teil des Stroms wird in städtischen Gebäuden (33 Prozent) und in der Kläranlage (30 Prozent) genutzt.
  • Fuhrpark: Der Bereich Mobilität macht vier Prozent der gemessenen Gesamtemissionen aus. Der Anteil an Elektrofahrzeugen im städtischen Fuhrpark blieb zwischen 2021 und 2023 unverändert.

Fokus auf städtische Liegenschaften und Energiesparen

Zur Erreichung der neuen Vorgaben hat der Gemeinderat ein Paket aus Schwerpunktmaßnahmen beschlossen. Die Verwaltung soll personelle und finanzielle Mittel künftig vorrangig in diese Bereiche lenken:

  1. Gebäudestrategie und Sanierung: Die städtischen Gebäude sollen energetisch saniert und der Ausbau von Photovoltaikanlagen sowie Nahwärmenetzen vorangetrieben werden. Zudem prüft die Stadt Optimierungen am Gebäudebestand.
  2. Energiemanagement: Die Steuerung des Energieverbrauchs in städtischen Einrichtungen wird neu strukturiert, um Einsparpotenziale besser zu nutzen.
  3. Wasser und Abwasser: Bei der Wasserversorgung und der Abwasserbeseitigung sollen Effizienzreserven erschlossen werden.

Auf den Zukauf von Zertifikaten zum Ausgleich von CO₂-Emissionen verzichtet die Stadt vorerst aus finanziellen Gründen und investiert das Geld stattdessen in Sanierungsmaßnahmen vor Ort.

Hintergrund und Förderung

Die Stadt Stutensee trat im Oktober 2020 dem Klimaschutzpakt Baden-Württemberg bei und strebte damals die Klimaneutralität bis 2040 an. Im Juli 2023 verschärfte der Gemeinderat den Zielzeitraum auf 2030. Der Prozess zur klimaneutralen Verwaltung wird vom Umweltministerium Baden-Württemberg für die Fünfjahresperiode von August 2021 bis Juli 2026 mit insgesamt 275.000 Euro gefördert. Die Erfassung der Daten erfolgt über die Bilanzierungssystematik des Landes. Künftig soll die Treibhausgasbilanz jährlich zusammen mit dem städtischen Energiebericht vorgelegt werden. Die Veröffentlichung der Bilanz für das Jahr 2025 ist für den Herbst 2026 geplant.

Das sagt der Gemeinderat

“Es ist nicht gut, das Ziel abzusenken”, so Volker Stelzer (Grüne) angesichts der weltweiten Katastrophen. “Wir müssen dringend etwas tun!” Die Grünen beantragten, das Jahr 2035 als Kompromiss festzulegen, “um den Druck zu halten”.

“Es bringt nicht viel, Angst und Schrecken zu verbreiten”, erwiderte Oberbürgermeisterin Petra Becker.

“Angst schüren bringt keine Zustimmung”, bestätigte Tobias Walter (CDU/FDP-Fraktionsvorsitzender). Die Frage sei vielmehr, was sich realistisch erreichen lasse. “2030 war damals schon schwer zu erreichen.”

“Wir müssen uns ambitionierte Ziele stecken”, so Klaus Mayer (Freie Wähler). Das Ziel müsse aber realistisch und erreichbar sein. Es brauche einen klaren Fahrplan und einen Maßnahmenkatalog, der jährlich im Haushalt verankert werde. “Viele Dinge lassen sich nicht auf Knopfdruck ändern.”

Alexander Skiba (SPD) betonte die Vorbildfunktion der Stadtverwaltung. Sonst sei das Vorhaben sehr ambitionslos. Es sei “merkwürdig”, das Ziel gleich um ein Vielfaches zu verschieben.

“Wir sind uns letztlich alle einig”, betonte Carsten Mohrhardt (CDU). Auch ihm sei es lieber, wenn es früher klappt. “Wir verzögern nichts.”

“Ein bisschen Ehrgeiz würde uns gut zu Gesicht stehen”, meinte Kathrin Weisser (Grüne). Wenn 2040 das Ziel sei, werde auf 2040 hingearbeitet. “Dieser Sommer zeigt, dass wir Prioritäten setzen müssen!”

Das Jahr 2035 als Kompromissziel auf Antrag der Grünen fand lediglich die Zustimmung von zehn Ratsmitgliedern, überwiegend Grüne und SPD. Von der Mehrheit – fünfzehn Mitglieder – wurde es abgelehnt.

Die Verschiebung auf 2040 fand hingegen eine große Mehrheit im Gremium. Lediglich zwei Mitglieder der Grünen stimmten dagegen.

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