Von meinstutensee.de-Reporter Sebastian Raviol

Geht es um das Thema Integration, werden gerne Plattitüden bemüht. Dann ist oftmals von kulturellen Differenzen, sprachlichen Barrieren oder dem notwendigen Austausch der Nationen die Rede. Nur selten kommt es aber zum wirklichen Dialog. Anders erlebten es etwa 130 Besucher der ersten Integrationskonferenz der Stadt Stutensee am vergangenen Freitag. In der Spöcker Spechaahalle kamen sowohl Immigranten, als auch Vertreter aus der Politik, der Kirche und den Vereinen sowie interessierte Bürger zusammen.

„Wenn man nach Deutschland kommt, ist man plötzlich Nichts“

Über zwei Stunden lang diskutierten die Besucher in vier Gruppen. Je nach Interesse und Kenntnis waren die Themen Bildung und Sprache, Freizeit, Arbeit oder interkulturelle Öffnung zu wählen. In jeder der Gruppen eröffnen sich schon nach kurzem Austausch offensichtliche Probleme. Für eingewanderte Arbeitnehmer beispielsweise ist die Anerkennung ihrer bisherigen Ausbildung eine Schwierigkeit. „Wenn man studiert hat und nach Deutschland kommt, ist man plötzlich Nichts“, bemängelt Cristina Rincón, die selbst vor 15 Jahren nach Deutschland kam. „Die Leute müssen dann hier etwas Anderes machen oder neu studieren.“

In einer anderen Gruppe ging es um Grundlagen: „Integration gelingt nur mit der Sprache, das ist das A und O“, sagt die Schulleiterin der Erich-Kästner-Realschule, Eva Friedmann. „Die Sprache ist gar nicht mal das Problem“, entgegnet Heinrich Sickinger, „viel mehr müssen wir die Eltern mit ins Boot holen, damit die ganze Familie integriert wird.“

Das Prinzip: Austausch und Lösungen erarbeiten

Eine Frau aus Eritrea berichtet, sie habe für eine Zugfahrt aufgrund von sprachlichen Schwierigkeiten ein falsches Ticket gelöst. Nach einer Fahrkartenkontrolle habe sie dafür 40 Euro zahlen müssen. „Die Kontrolleure sind oft nicht bereit zur Kommunikation“, bestätigt sie Sonja Wolf. Sima Mohamad, Schülerin an der Erich-Kästner-Realschule, schlägt mehr Bildung für den Alltag als mögliche Lösung vor und bekommt Applaus von der Gruppe. Auch in der Pause diskutieren die Teilnehmer, während sie unter anderem ägyptisches, eritreisches oder italienisches Essen probieren – und kennenlernen, wie Alicha, Bobota oder Kilwa schmeckt.

Unter den Vereinsvertretern herrschte Einigkeit darüber, dass die Vereine ohnehin überfordert seien und damit Integration nicht alleine forcieren könnten. Als Lösung erarbeite die Gruppe daher die Idee eines Vereinswochenendes, an dem mit Informationen und Gesprächen Kontakte mit Immigranten hergestellt werden sollten. Auch in anderen Gruppen kamen Kultur- oder Willkommensfeste zur Sprache.

Bis 2017 soll das geförderte Integrationskonzept stehen

Bis Anfang 2017 solle ein Integrationskonzept ausgearbeitet sein, kündigte Oberbürgermeister Klaus Demal an. Für dessen Erstellung bekommt die Stadt eine Förderung von knapp 50 000 Euro. Zudem hat Christiane Seidl-Behrend die im vergangenen Sommer geschaffene Stelle der Integrationsbeauftragten inne, die für drei Jahre mit über 50 000 Euro gefördert wird.

Daniel Heinz war in der Arbeitsgruppe, die sich mit Bildung, Erziehung und Sprache beschäftigte. Zum Ende der Veranstaltung trug er die Ergebnisse seiner Gruppe im Plenum vor. Der 18-Jährige Pfadfinder aus Friedrichstal ist mit dem Ablauf der Veranstaltung zufrieden: „Es war ein reger Austausch. Ich bin begeistert, wie wir das gemacht haben. Es waren viele Leute da, es bewegt sich was.“ Weiter bewegen soll sich der Austausch bei der zweiten Integrationskonferenz im Herbst.

Wer muss aktiv werden: Vereine oder Immigranten?

„Ich kenne keinen Menschen mit Migrationshintergrund in Stutensee, der noch nicht diskriminiert wurde“, sagt ein Bürger. Das schüchtere diese Menschen ein, weshalb Vereine aktiv werden müssten und auf Immigranten zugehen sollten. Christian Steiner, Vorstand des Turnvereins Friedrichstal, hingegen sieht die Hauptamtlichen der Flüchtlingsarbeit in der Pflicht, auf die Vereine zuzugehen.

„Symbole sind für Migranten oft nicht verständlich“, wirft Sonja Wolf ein. So habe sie in Pforzheim erlebt, dass Immigranten das Symbol einer durchgestrichenen schwangeren Frau auf alkoholhaltigen Getränken missverstanden hätten: „Viele dachten, dass man von dem Getränk nicht schwanger wird“, berichtet sie. Deshalb müsse man Symbole in Zusammenarbeit mit den Immigranten verständlicher machen.

Maria Metko berichtet von eigenen Erfahrungen als Flüchtling. Damals habe es unschöne Worte eines Gemeinderates gegeben, als sie mit ihrer Familie nach Friedrichstal ziehen wollte. „Heute sind wir aber gute Friedrichstaler“, sagt sie und sorgt für Lacher in der Runde. Ulrike Stephan-Hofmann, Berufsschullehrerin, äußert eine Vision: „Ich hoffe, dass die Vielfalt in der Sprache und Kultur als Bereicherung angesehen wird und nicht als Makel.“

 

Bildquellen

  • DSC_2273 (Medium): Sebastian Raviol
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