Von meinstutensee.de-Reporter Sebastian Raviol

Wenn das Schuljahr vorbei ist, enden am Thomas-Mann-Gymnasium in Blankenloch 35 Jahre Tradition. Die Erdkunde-Lehrerin Ulrike Bratzel geht in Ruhestand und übergibt die Wetter-AG in die Hände ihrer Kollegen. Für die elf Schülerinnen der AG ist die Arbeit dann beendet, die Daten werden fortan mit technischen Geräten elektronisch übermittelt. Ein großer Wandel: „Als die Wetter-AG 1980 begann, hat man die Messungen noch mit der Schreibmaschine festgehalten“, blickt Bratzel zurück. Sie selbst hat die Leitung vom Gründer der AG 1989 übernommen.

Vor 30 Jahren: „Es ist ja klar, dass sie übernehmen.“

Dieser sei bestimmend gewesen und habe ihr damals keine Wahl gelassen: „Er sagte mir, es sei ja klar, dass ich die Wetter-AG weiter mache“, erinnert sich Bratzel lachend. „Ich habe es aber nie bereut.“ Für die Messung steht im Innenhof der Schule eine Wetter-Station, die Temperaturen am Tag und in der Nacht sowie den Niederschlag misst. Die AG-Schüler zeichnen die Daten in der Pause täglich auf, am Wochenende und in den Ferien übernimmt Bratzel diesen Dienst. „Ich habe immer schnell zehn Leute gefunden. Am Anfang waren es nur Jungs, dann war es gemischt und jetzt sind es nur Mädchen“, sagt Bratzel.

Auf diese ist die Lehrerin sehr stolz: „Auf die Mädchen kann man sich zu hundert Prozent verlassen.“ Deshalb sei sie mit der Entwicklung der AG sehr zufrieden: „Ich habe gemerkt, dass immer Interessierte da waren.“ Um an der Wetterstation die Ergebnisse zu messen, geben die AG-Schüler gerne ihre Pause auf: „Normal sind wir da mit Freunden zusammen, aber es ist auch mal eine Abwechslung in den Wettergarten zu gehen“, sagt Katharina Weber. Die Arbeit lohnt sich, denn die ausgewerteten Diagramme schauen sich auch andere Schüler an einer eigenen Plakatwand an. Welche Faszination aber hat das Messen von Wetter-Daten?

„Es interessiert mich, wie das Wetter ist, weil das Wetter immer da ist“, sagt Weber. Sie ist seit zwei Jahren in der AG und hat mittlerweile einen anderen Bezug zum Wetter bekommen: „Wenn man sich mehr damit beschäftigt, denkt man als ganz anders darüber nach, wenn es mal mehr regnet.“ Auch Maren Röther findet:  „Wenn es viel regnet ist das Messen besonders spannend.“ Dabei habe es in der AG auch schon Extreme gegeben, erklärt Weber: „Wenn es mehr als 20 Liter pro Quadratmeter regnet, kann man das gar nicht mehr auf dem Plakat einzeichnen.“ Das dann auf Papier zu bringen, übernimmt die AG-Leiterin Bratzel. Sei einem Jahr ist Laura Weber dabei. „Auch die Temperaturen sind interessant. Da kommen als ganz spannende Ergebnisse raus“, findet die Achtklässlerin.

Effekt der Wetter-AG: Anderen Schülern das Messen beibringen

Unter den Jahreszeiten sei besonders der Frühling spannend, sagt Katharina Weber. „Da schwanken die Temperaturen oft.“ Im Fach Naturwissenschaft und Technik behandeln sie das Thema Wetter. Da hat sie von ihren Erfahrungen aus der Wetter-AG profitiert: „Wir haben dann andere in der Klasse in das Messen von Wetter-Daten eingewiesen.“ Das kontinuerliche Messen ist eine gute Lernerfahrung, weiß Bratzel. „Wenn ein Monat richtig warm war, ist es interessant, dann das Diagramm dazu zu deuten und einzuschätzen“, sagt Nathalie Niederbudde. Seit zwei Jahren ist sie dabei und misst nun auch daheim: „Ich habe zu Hause ein kleines Gefäß zum Regen-Messen. Aber in der Wetter-AG ist das natürlich genauer.“

Beim Orkantief Lothar sei auf den Diagrammen deutlich geworden, wie der Luftdruck abgesackt ist, erklärt Bratzel. „Dass sind Dinge, die man dann gut greifen kann.“ Nach Gewittern klingelte bei Bratzel gelegentlich das Telefon. „Da riefen dann Leute an, die wegen Versicherungsschäden genaue Zeitpunkte von Gewittern wissen wollten.“ Denen habe man mit den Messungen auch weiterhelfen können. Die Daten der Messungen werden künftig mit einem Thermometer und Regenmesser elektronisch übermittelt. Dann enden die Wochenend-Fahrten von Bratzel an die Schule und die täglichen Pausen-Messungen der Schüler. Diese bedauern das Ende der AG. Auf die Bilanz blickt Bratzel aber weniger mit Wehmut, denn mit Stolz.

Großes Projekt geschafft: Ein echtes Klimadiagramm

Bei der Übernahme der Wetter-AG sei Bratzel eines klar gewesen: „Ich möchte die 30 Jahre voll kriegen.“ Nach drei Jahrzehnten durchgehender Wetter-Messung sprechen Meteorologen von einem „echten Diagramm“. Das bedeutet, dass die Werte erst dann fundiert sind – ansonsten können Wetterschwankungen Vergleiche verfälschen. „Es hat mich sehr gereizt, ein aussagekräftiges Klimadiagramm zustande zu bekommen“, sagt Bratzel deshalb. Anfangs habe man für Vergleiche Werte aus Karlsruhe nehmen müssen, nun habe Stutensee eigene Werte.

„Es ist ein wahnsinniger Wust an Organisation, damit es so funktioniert“, bekundet Bratzel. Nun aber hat die Lehrerin mit der Wetter-AG die älteste AG der Schule und ein lückenloses Klimadiagramm geschafft. Am Schluss sei es ein Selbstläufer gewesen, gibt Bratzel das Lob an ihre Schülerinnen weiter und freut sich, „wenn man sieht, dass es den Schülern Spaß macht.“ Auch der Förderverein der Schule sei am Erfolg beteiligt gewesen. Dieser ermöglichte eine neue Wetter-Station, in der die Messgeräte unterkommen konnten. Ein Zufall untermauert die Tradition der AG, wie Katharina Weber berichtet: „Ein Bekannter von mir war 1982 in der Wetter-AG. Da sind wir durch einen alten Bericht drauf gestoßen“, sagt sie. Wie lange die Wetter-AG bereits besteht, sei einfach interessant.

 

 

 

 

 

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