Von meinstutensee.de-Reporter Sebastian Raviol

Erst nach 15 Monaten Aufenthalt dürfen Asylbewerber in Deutschland arbeiten. Bis dahin bestimmen Anträge, Eingewöhnung und Ungewissheit ihren Alltag. Im Friedrichstaler Asylbewerberheim nehmen einige der Bewohner das Heft selbst in die Hand. Im Senioren-Zentrum Haus Edelberg helfen sie den Betreuerinnen einmal in der Woche bei einem Nachmittag mit den Bewohnern.

„Wir gehen raus, schneiden Papiere oder malen“, erzählt Amis-vo-Rehmann. Seit 10 Monaten ist der Pakistani in Deutschland und findet es „gut für´s Herz, Menschen zu helfen. Deutschland tut etwas für uns, wir wollen auch etwas für die Leute tun.“ Muhammad Asif ist das erste Mal im Seniorenzentrum dabei. „Ich fühle mit den Menschen hier. Ich weiß nicht, wie es mir mal im Alter geht“, sagt er. „Bekomme ich Liebe, dann bin ich glücklich.“ Deshalb wolle er helfen.

Afrikanische Melodien kommen gut an: „A bissel lauter“

Geplant ist heute ein Ausflug zu einer Eisdiele. Auf dem Weg dahin summt Sohonou Ablam ein afrikanisches Lied, während er eine Bewohnerin im Rollstuhl schiebt. Sie genießt seine Einlagen: „A bissel lauter, damit ichs hören kann.“ Sie freue sich, wenn er Melodien summt oder Lieder singt – das Leben sei schließlich ernst genug.

 

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Der Umgang mit den Asylbewerbern aus vielen verschiedenen Ländern bringt eine neue Vielfalt in die Gespräche der Senioren. Die Bewohner erzählen den wissbegierigen Männern von ihrer Heimat und den geschichtlichen Zusammenhängen der Region. Die Bewohner hingegen interessieren sich für die Geschichten der Asylbewerber und die Länder, aus denen sie stammen. „Sie ist meine Mutter“, sagt einer der Helfer über die Seniorin, die er gerade im Rollstuhl schiebt – und beide müssen lachen.

Probleme mit dem Dialekt: „Umleitung sprechen Sie hier anders aus“

In den Gesprächen müssen sich Beide konzentrieren, um einander zu verstehen. Die Asylbewerber erhalten in der Unterkunft zwar Deutsch-Unterricht, der regionale Dialekt aber sorgt für Schwierigkeiten. „Das ist das Grundproblem in Gesprächen. Umleitung zum Beispiel sprechen sie hier anders aus, als ich“, berichtet Asif.

Beim Eis essen schließlich kommen die Helfer auch zu ihrem kulinarischen Vergnügen – haben aber auch alle Hände damit zu tun, die Wespen von den Rollstuhlfahrerinnen zu vertreiben. Insgesamt sind acht Seniorinnen beim Ausflug dabei, sechs sitzen im Rollstuhl. „Je mehr Helfer wir für die Rollstühle haben, umso mehr Bewohnerinnen können an Ausflügen mitgehen“, ist auch Betreuerin Gudrun Bach vom Seniorenzentrum über die Unterstützung erfreut.

Ablam putzt einer Frau das Eis aus den Mundwinkeln. Dann aber passt er auf, dass keine angestrengte Situation daraus entsteht. „Alles klar?“, fragt er gut gelaunt und stupst eine Frau an, ehe er vor der Gruppe einen kleinen Tanz hinlegt.

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Für das anstehende Kegel-Spiel im Haus ist er als Moderator eingeplant. „Können Sie kegeln?“, fragt Bach. „Keine Sorge“, antwortet Ablam und erweist sich als Entertainer.

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Er ist hochmotiviert: „Die Leute und das Land lieben uns. Darüber sind wir glücklich und geben deshalb unser Bestes.“ Im Sitzen rollen die Senioren Kugeln auf die bewegliche Kegelbahn. „Jawoll“, feuert Ablam die Bewohner an.

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Die Männer lernen hier mit Spaß die Sprache – ihre Gedanken aber sind oft in ihrer Heimat. „Niemand möchte ohne Familie leben“, sagt Asif, der alleine aus Pakistan gekommen ist. „Die Situation in unseren Ländern ist sehr schlecht. Wenn wir mit unseren Familien sprechen, leidet unser Herz. Ich kann es nicht mit Worten erklären.“

Auch deshalb sind die Männer froh, wenn sie während der Hilfe Ablenkung bekommen und sich so gleichzeitig integrieren können. Die Idee zum sozialen Einsatz im Haus Edelberg hatte Pfarrer Peter Altenstetter (i.R.). Er unterrichtet im Asylbewerberheim Deutsch und ist sich sicher, „Altenpfleger und Krankenpfleger werden in Zukunft gebraucht, es besteht Mangel an beidem.“ Deshalb habe er den Asylbewerbern gesagt: „Probiert mal, ob das euer künftiger Beruf sein könnte.“ Dabei ging es Altenstetter auch darum, dass die Männer Wertschätzung erfahren und „beweisen, dass sie mehr können, als nur Unterstützung zu erhalten.“

Die Bewohner sind erfreut über den Nachmittag. Irene Mangold kommt „gerne mit fremden Leuten zusammen.“ Vor allem seien es Leute, deren Völker sich nicht verstehen. „Ich werde 88, habe Krieg erlebt und möchte das nicht mehr erleben. Egal, was für Leute: Es sind Menschen. Der Mensch kann nichts dafür, dass er geboren wird“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

 

 

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