Von meinstutensee.de-Reporter Martin Strohal

Eine Reportage von Dirk Gebhardt und Martin Strohal

Die Gemeinschaftsunterkunft in Blankenloch

GU LorenzstraßeWas sind das für Leute, die da in Blankenloch, abgelegen im Industriegebiet, in der Gemeinschaftsunterkunft wohnen? Undankbare Schmarotzer, die unsere Sozialleistungen ausnutzen wollen? Verbrecher? Wir wollten das genauer wissen und haben uns deshalb in der Gemeinschaftsunterkunft (GU) in Blankenloch umgeschaut. Die Terminvereinbarung lief über das Landratsamt. Vor Ort wurden wir von einer Sozialarbeiterin begrüßt, die uns im gesamten Haus herumführte und allen Bewohnern vorstellte.

Die Freundlichkeit, die uns entgegengebracht wurde, war überwältigend. Gleich in der ersten Wohnung – einem kleinen Zimmer, das mit einer ganzen Familie belegt war – wurden alle Stühle frei gemacht und weitere herangetragen, um uns willkommen zu heißen, auch wenn kaum einer der Bewohner Englisch oder gar Deutsch sprechen konnte. Viele Kinder der Bewohner spielten im Hof um das Gebäude. Trotzdem war einiges los im Haus. In einigen Zimmern liefen Fernseher mit arabischen Sendern. Während in den unteren Stockwerken die Familien einquartiert waren, wohnten oben Männer, die allein nach Deutschland gekommen waren. Überall wurden wir freundlich mit Handschlag begrüßt. Jeder schien sich über die Abwechslung zu freuen und zeigte den Platz, der ihm zum Wohnen zugewiesen worden war.

Im Untergeschoss befindet sich der karg eingerichtete Sozialraum, der auch für Deutschunterricht genutzt wird. Hier konnten wir uns zu Gesprächen mit Flüchtlingen zurückziehen: einer Frau mit ihren beiden minderjährigen Söhnen (auf dem Artikelbild zu sehen) sowie einem alleinstehenden Mann, der nicht fotografiert werden wollte. Eine weitere Bewohnerin der Unterkunft übernahm die Aufgabe, von Englisch ins Arabische zu übersetzen und umgekehrt.

„Eine Bombe ist auf unser Haus gefallen“

Zuerst befragten wir die Frau nach ihrem Schicksal. Sie befand sich mit ihren beiden Söhnen seit einem Monat in Deutschland und kam direkt von der Erstaufnahmestelle in Meßstetten nach Blankenloch. Ihre Reise dorthin hatte sechs Monate vorher in Nordafrika begonnen, über Maghreb in Algerien, Marokko, das Mittelmeer, Spanien, Frankreich, bis die drei schließlich in Deutschland angekommen waren. „Eine Bombe ist auf unser Haus gefallen und hat alles zerstört. Da habe ich meine Kinder genommen und bin geflohen“, erzählte sie. Ihre Heimat hat sie verlassen, weil es dort keinen sicheren Ort mehr gab.

Ob Deutschland von Anfang an ihr favorisiertes Ziel war, wollten wir wissen. Eigentlich hatten sie in Algerien bleiben wollen, sagte die Frau. Aber die Kinder seien dort in der Stadt nicht sicher gewesen und sie wollten dann auch nicht mehr zur Schule gehen. Deshalb hatte sie entschieden, in ein anderes Land zu gehen, das besser zu ihrer Familie und ihren Kindern ist.

„Ich bin glücklich, weil ich in Deutschland bin“

„Ich bin glücklich, weil ich in Deutschland bin“, sagte sie lächelnd. Sie hätten keine Probleme, und die Kinder würden in Blankenloch zur Schule gehen. Es gebe so viele Leute vor Ort, die helfen und alles tun würden, um ihre Familie glücklich zu machen und ihr Sicherheit zu geben.

Wir fragten nach der Situation in der Unterkunft, in der viele Menschen auf engem Raum tagtäglich beieinander wohnen. „Sehr gut“, war die Antwort. Gab es bislang irgendwelche Probleme mit Verwaltungen oder öffentlichen Stellen? Daraufhin erzählte die Familie von einem Vorfall in einem Discounter in Meßstetten, in dem eine Verkäuferin die Polizei wegen einem der Söhne gerufen habe. Der Fall hätte sich aber schnell aufgeklärt, es habe sich um einen Fehler der Verkäuferin gehandelt. Ansonsten hatte die Familie nur gute Erfahrungen gemacht. „Als wir in Deutschland angekommen sind, wussten wir nicht, ob es sich um Frankreich oder Deutschland handelte. Deshalb fragte ich einen Polizisten: ‚Sind sie aus Deutschland?‘. Er sagte: ‚Ja‘.“ Daraufhin wollte sie mit ihren Kindern nicht mehr von seiner Seite weichen. Er sei sehr nett zu ihnen gewesen.

Nun interessierten wir uns für den üblichen Tagesablauf in der Gemeinschaftsunterkunft. Da Flüchtlinge, deren Asylverfahren noch läuft, nicht arbeiten dürfen, mussten sie sich anderweitig die Zeit vertreiben. „Der Morgen beginnt mit Deutschunterricht in diesem Raum“, erklärte uns die Frau. Anschließend würde sie Essen besorgen und für sich und ihre Kinder kochen, die in Blankenloch zur Schule gingen. Den Rest des Tages würde sie im Grünen verbingen.

Ob sie irgendwelche Pläne oder Träume für die Zukunft habe? Als allererstes wolle sie Deutsch lernen. Dann hoffe sie, dass ihre Kinder in Deutschland aufwachsen können, dass sie sich in diesem Land bewähren und dass sie zusammen mit den Menschen hier ein neues Deutschland erschaffen. Natürlich hoffe sie aber auch, dass der Krieg in ihrer Heimat – und am besten alle Kriege auf der Welt – beendet werden würden.

„Araber sind normale Menschen“

Die Frau dankte allen, die ihnen helfen, sie unterstützen und mögen würden. Sie wolle das falsche Bild von Arabern und Muslimen, das viele hätten, gerne ändern. Araber seien normale Menschen, die alle Leute lieben würden.

Am Ende des Gesprächs wollte die Frau von uns erfahren, ob das Dublin-Abkommen von Deutschland ausgesetzt worden sei. Dieses Abkommen regelt, dass alle Flüchtlinge in dem Land der EU registriert und aufgenommen werden müssen, über das sie die EU betreten. Der Vater der Familie sei nämlich auch auf dem Weg, und sie hoffe, dass er zu ihnen kommen könne. Über Handy habe die Familie Kontakt miteinander.

Der Profifußballer aus Syrien

Nun wandten wir uns dem alleinstehenden Mann zu. Er sei mit Mutter und Schwester aus Syrien in die Türkei geflohen. Von dort habe er sich ohne sie mit dem Schiff auf den Weg Richtung Europa gemacht. Anderthalb Monate sei er nun in Deutschland. Warum ausgerechnet Deutschland? Er liebe Deutschland schon seit er ein kleines Kind gewesen sei, da er Fußball liebe. Er war Profifußballer in Syrien. In Deutschland hatte er bislang leider keine Gelegenheit zum Fußballspielen.

Wir wollten wissen, wie ein „normaler“ Tag auf der Flucht aus Syrien aussehe. „Manchmal geht man sehr viel zu Fuß“, erzählte der Mann. „Manchmal habe ich auf der Straße geschlafen, manchmal in Hotels. Manchmal auch unter Autos, weil es geregnet hat.“ Dabei hatte er nur eine Jacke, seine Kleidung und ein paar Bilder von seiner Familie. Sonst nichts.

„Einige Leute sind gestorben“

Wie war das Verhältnis zu anderen Flüchtlingen auf der langen Reise? War es geprägt von Angst und Misstrauen? Oder unterstützte man sich gegenseitig? Er habe so viele schreiende Kinder gesehen, denen es kalt war und die Hunger hatten. Er hätte anderen helfen wollen, aber es sei unmöglich gewesen, allen zu helfen. „Manche Kinder haben ihre Familie verloren. Manche Familie hat ihre Kinder verloren. Einige Männer hätten ihre Frauen verloren… Einige Leute sind gestorben.“ Auch die am Tisch sitzenden Jungen hatten solche Erfahrungen gemacht, warfen sie ein.

Auch der Alltag des Mannes ist bislang nicht sehr abwechslungsreich und besteht aus Deutschlernen, etwas Sport und Essen. Er würde sehr gerne arbeiten. Er sei nicht nach Deutschland gekommen, um irgendetwas geschenkt zu bekommen. Er wolle arbeiten und seinen Lebensunterhalt selbst verdienen.

Spenden und Unterstützung

Wir waren beeindruckt von den Erlebnissen unserer Gesprächspartner und ihren Schilderungen. Diese wiederum schienen sich sehr zu freuen, mit jemandem darüber sprechen zu können. Wir bedankten uns und machten uns auf den Weg zum Ausgang. Dabei erfuhren wir von der Sozialhelferin noch, dass immer wieder Kleidung und Gegenstände benötigt werden. Wer helfen möchte, kann nach dem konkreten Bedarf fragen (Kontaktdaten s.u.) und die Spenden direkt bei der Unterkunft vorbeibringen.

Wer sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren möchte, kann Kontakt mit dem Landratsamt aufnehmen. Dieses ist Betreiber der Gemeinschaftsunterkünfte im Landkreis. Für die soziale Betreuung in Blankenloch ist dort Frau Marta Zupcic zuständig (0721/936-72840, Marta.Zupcic@landratsamt-karlsruhe.de). Inzwischen haben sich richtige Organisationsstrukturen rund um die Gemeinschaftsunterkünfte in Blankenloch und Friedrichstal gebildet. In Friedrichstal engagiert sich das Familienzentrum Kultcafé sowie die evang. Kirchengemeinde.

„Tschüs“, riefen uns die Kinder fröhlich nach, die im kleinen Hof und auf der Straße vor der Flüchtlingsunterkunft Ball spielten, mit Einrad oder Fahrrädern unterwegs waren.

Bildquellen

  • GU Lorenzstraße: Stadt Stutensee
  • Flüchtlinge in Blankenloch: Dirk Gebhard
Werbung