Von meinstutensee.de-Reporter Sebastian Raviol

Seinen Auszug aus dem Elternhaus hat er sich ganz anders vorgestellt. Er, ein Mann Mitte 20, aufgewachsen in Büchig, wollte immer in Stutensee bleiben. Dort, wo Freunde und Familie sind. Jetzt bereitet er den Umzug in seine erste eigene Wohnung vor – in der Karlsruher Oststadt. Warum es in Stutensee nicht geklappt hat, möchte der Büchiger erzählen, ohne aber seinen Namen in den Medien zu lesen.
Zwei Jahre lang hat er in Stutensee nach einer Eigentumswohnung gesucht, die er kaufen kann, dann ein halbes Jahr nach einer Mietwohnung. Sein Fazit: „Der Markt ist verzerrt.“ Ein bis zwei Zimmer, 50 bis 70 Quadratmeter – ein passendes Kaufobjekt hat der Büchiger nicht gefunden. Und Miete? Zu teuer. „650 Euro kalt, dazu 250 Euro Nebenkosten – das ist ein Machtwort“, sagt der Arbeitnehmer einer Karlsruher Behörde. Zumal die Vermieter bei vielen Objekten mittlerweile den Mietern Sanierungsarbeiten überlassen würden. „Manche machen es sich da einfach. Entweder du nimmst die Wohnung – oder eben jemand anders.“

Es handelt sich nicht um einen Einzelfall. Andreas Dürr hat den Markt in Stutensee für die Seeger Wohnkonzepte seit vielen Jahren im Blick. Der Geschäftsführer sagt: „Es gab eine Wahnsinnsentwicklung. Wohnen ist in Stutensee das beherrschende Thema.“ Dürr vermittelt den Kunden Wohnungen und Häuser zum Kaufen oder Mieten, ist mit seinem Unternehmen der größte Vermieter in Stutensee. Oft sitzen junge Familien aus der Gegend bei ihm im Büro. „Sie suchen händeringend und wollen kaufen“, sagt Dürr. Das Problem: „Die Schere von Nachfrage und Angebot ist in den letzten Jahren deutlich auseinandergegangen. In Stutensee ist in den letzten Jahren in größeren Einheiten nichts auf den Markt gekommen.“

Wohnungsexperte: Es gibt ein Gefälle von Süden nach Norden

Die Wohnungsknappheit ist längst auch bei den Arbeitgebern angekommen. Wolfgang Betting von der Stadtmission ist auch für das Seniorenzentrum in Blankenloch zuständig. Viele der 70 Mitarbeiter würden in Karlsruhe und im Umland wohnen, sagt Betting. „Es gibt immer wieder welche, die gerne in Stutensee wohnen würden.“ Für die Pflegefachkräfte fehlten aber bezahlbare Wohnungen. Früher hätten sich Mitarbeiter gar nicht über das Thema Wohnen geäußert, sagt Betting. „Mittlerweile steht das an erster Stelle.“ Dabei ist es gerade im Pflegebereich schwer genug, Mitarbeiter zu finden. „Der Markt für Fachkräfte wird immer enger“, sagt Betting. Die Stadtmission hat nun für zwei neue Mitarbeiter in Blankenloch eine Wohnung angemietet. „Aber das kann nicht die Lösung sein. Wir können nicht Wohnungen herbeizaubern.“ Zumindest versuche die Stadtmission aber, neue Mitarbeiter bei der Wohnungssuche zu unterstützen und bei Vermietern zu werben.

Immer mehr Menschen wollen nach Stutensee ziehen. Das liegt zum einen an der Attraktivität Baden-Württembergs und des Landkreises Karlsruhe, zu dem auch das Umland gehört, sagt Experte Andreas Dürr. „Und durch die Straßenbahn bekam Stutensee nochmal eine massive Aufwertung.“ Seit 2006 erreicht die Straßenbahn auch Friedrichstal und Spöck. Generell gebe es ein klares Gefälle von Süden nach Norden, was die Nachfrage angeht, sagt Dürr: Büchig, Blankenloch, Friedrichstal, Spöck und dann Staffort.

“Projekte werden der Nachfrage nicht standhalten”

Insgesamt steigt die Einwohnerzahl – Jahr für Jahr. Seit 1961 gab es nur sechs Jahre ohne Zuwachs. Von 16.748 Einwohnern (1975) stieg die Zahl auf 21.794 (2000), derzeit führt das Statistische Landesamt 24.199 (2016). Das wirkt sich auf die Anzahl der Wohnungen aus. 10.840 Wohnungen (Stand 2016) gibt es, zehn Jahre zuvor waren es 9.907. Hinzu kommt, dass in Stutensee mehr Menschen auf weniger Fläche leben. In Baden-Württemberg wohnen im Durchschnitt 307 Einwohner pro Quadratkilometer, in Stutensee sind es 530. Ein weiterer Faktor: Während 1970 noch knapp drei Personen in einem Haushalt lebten, sind es nun im Durchschnitt 2,3.
Auch wenn sich die Ursachen durch Zahlen offenbaren: Es müssen Lösungen geschaffen werden.

Es gibt Wohnbauprojekte in Stutensee. Dürr betont aber: „Die Projekte der nächsten Jahre werden der Nachfrage nicht standhalten.“ Neuen Wohnraum plant sein Unternehmen in Friedrichstal an der Berliner Allee. Dort sollen bis Mitte 2019 30 Mietwohnungen entstehen. „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Dass wir damit eine spürbare Entlastung schaffen, bilden wir uns nicht ein“, sagt Dürr. Es gibt in Stutensee noch andere Tropfen auf den heißen Stein: 16 städtische Bauplätze beim “Wohnen mit der Sonne” in Friedrichstal, 35 Einheiten auf dem ehemaligen Lehmann-Areal in Blankenloch. Auf dem Neise-Areal in Blankenloch, dem ehemaligen Hallenbad, sollen um die 150 Einheiten entstehen. Das führe sicher zu einer Entlastung, sagt Dürr.

Keine Wohnung in Stutensee: “Langfristig werde ich zurückkommen”

Doch sind Neubauten die einzige Lösung? Dürr spricht auch von Nachverdichtung. Es gebe viele Baulücken oder Möglichkeiten, in der zweiten Reihe zu bauen. Gerade in Friedrichstal und Blankenloch gebe es dafür relativ viel Potenzial. Entlasten würde es auch, wenn sich der Markt bewegt. Dürr sieht besonders einen Fall stark zunehmen: Ältere Menschen aus der Gemeinde, verwitwet, würden gerne aus ihren großen Häusern und in barrierefreie Wohnungen ziehen, finden diese in Stutensee aber nicht. Dabei suchen gerade junge Familien diese Häuser. Mit seinem Unternehmen möchte Dürr in den kommenden Jahren vermehrt Projekte für barrierefreies Wohnen realisieren.

Unklar ist, ob sich der Wohnungsmarkt in Stutensee wieder entspannt. Klar scheint nur: Das kann dauern. Solange müssen etwa junge Einheimische auf der Suche nach Wohnraum auf Kontakte, Zeit und Glück bauen. Für den jungen Mann aus Büchig hat es nicht gereicht. Nun zahlt er 600 Euro warm. Für zwei Zimmer in der Oststadt. Ein Bekannter verlangt nicht den vollen Marktpreis. „Ich habe Glück gehabt. Stutensee wäre aber besser gewesen – hier bin ich aufgewachsen. Langfristig werde ich zurückkommen.“

Bildquellen

  • Luftbild Friedrichstal Wohnen mit der Sonne: Steven Kindel
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