Massiver Widerstand oder Abwarten? Sachstand zum Ausbau der Bahnstrecke

Güterzug (Symbolbild)

Bild: Martin Strohal

Von Martin Strohal | 25.06.2019 21:23 | 2 Kommentare

Deutschland hat sich 1996 in der Vereinbarung von Lugano dazu verpflichtet, einen leistungsfähigen Eisenbahnverkehr zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik zu schaffen. Die Bahnstrecke, die Genua und Rotterdam verbindet, ist in weiten Teilen ausgebaut, in der Schweiz ist der Gotthardbasistunnel entstanden. Nur in Deutschland stockt es – und das hauptsächlich zwischen Mannheim und Basel. Von den Planungen in diesem Bereich ist Stutensee direkt betroffen.

In der Juni-Gemeinderatssitzung am gestrigen Montag war der Direktor des Regionalverbands Mittlerer Oberrhein, Gerd Hager, zu Gast und berichtete über den aktuellen Sachstand. Der Regionalverband vertritt die betroffenen Städte und Gemeinden in der Region in dem Planungsprozess.

“Die Planung hat noch nicht begonnen”, so Hager. Er sehe die Region aber gut aufgestellt und freue sich auf eine “sehr intensive” Diskussion.

“Erheblicher Raumwiderstand”

Die Problemstellung sei, dass die Bahnstrecke zwischen Frankfurt und Rastatt nicht ausreichend für den steigenden Bedarf sei. Im Bundesverkehrswegeplan ist deshalb ein Ausbau oder ein Neubau vorgesehen. Insbesondere in der Region Karlsruhe stelle die Planung eine Herausforderung dar. “Der Raumwiderstand ist erheblich”, formulierte es Hager. Durch Friedrichstal, Blankenloch und Hagsfeld sei aus Platzgründen kein viergleisiger Ausbau möglich, da sind sich die Stutenseer Gemeinderäte einig. Eine Untertunnelung würde durch das Grundwasser führen, was erhebliche Kosten nach sich ziehen würde. Eine Alternativstrecke entlang der Autobahn A5 belaste die dort gelegenen Gemeinden und würde eine größere Fläche Wald kosten.

Die Strecke ließe sich auch westlich von Stutensee durch den Hardtwald führen oder von Graben-Neudorf aus quer nach Südosten – durch ein geplantes Naturschutzgebiet.

Beliebt ist deshalb auf badischer Seite die Verlegung der Strecke auf linksrheinisches Gebiet. Dort würde sie jedoch im Süden auf französisches Staatsgebiet stoßen, was die Sache nicht vereinfacht. Oder es würde eine Rheinquerung benötigt, um in den Karlsruher Hauptbahnhof führen zu können.

Kurz gesagt: Es gibt keine offensichtliche Lösung, die sich anbietet und die nirgendwo zu Protesten führen würde.

“Jeder will, dass Güter auf der Schiene statt auf der Straße transportiert werden”, so Hager. “Wir wollen eine menschen- und naturverträgliche Variante.”

“Quadratur des Kreises”

“Die Franzosen werden sich bedanken, unsere Probleme zu lösen”, stellte Ansgar Mayr (CDU) fest. In Stutensee bliebe nur, Anwohnerhäuser abzureißen oder ein Tunnel zu bauen.

“Das ist eine Quadratur des Kreises”, stellte Wolfgang Sickinger (SPD) fest.

Heinrich Sickinger (fraktionslos) brachte eine alternative Streckenführung ein: eine Westumgehung ab Molzau (nördlich von Graben-Neudorf), östlich entlang der B36 bis zur Einmündung des Strangs aus der Pfalz, dann Tunnel bis Karlsruhe.

“Siedlungsnähe” und “Raumwiderstand” würden die Probleme verharmlosen, meinte Lutz Schönthal (CDU), Ortsvorsteher des betroffenen Friedrichstals.

“Widerstand leisten” – “Abwarten”

“Die Stadtverwaltung muss Widerstand leisten”, verlangte Kurt Gorenflo (CDU), früherer Ortsvorsteher von Friedrichstal. Es solle nicht abgewartet werden, bis Varianten in der Diskussion seien. “Es muss massiv vorgegangen werden!” Der Stutenseer Gemeinderat solle sich mehrheitlich auf eine Lösung festlegen und diese dann gegenüber der Bahn vertreten.

“Nervosität ist jetzt nicht angesagt”, erwiderte Ludwig-W. Heidt (Freie Wähler). Er sehe die Verbreiterung der Trasse durch Friedrichstal, Blankenloch und Hagsfeld als nicht machbar, entlang der A5 aber auch höchst problematisch. Man solle nun abwarten und dann ins Detail gehen. Heidt präferiert eine “Stelzenlösung” in Ufernähe des Rheins.

Zeitplan: Drei Jahre Planung

Die Bahn wolle das Thema in den nächsten drei Jahren diskutiert haben, so Hager. Er gehe aber von einem längeren Zeitraum aus. Auftakt der Öffentlichkeitsbeteiligung sei Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres.

Oberbürgermeisterin Petra Becker betonte, dass sie die Interessen Stutensees mit Vehemenz vertreten werde und diese Aufgabe sehr ernst nehme, auch wenn sie vielleicht etwas dickköpfiger sei, als es der Regionalverband wolle.

In den nächsten Jahren werde die Bahn die Güterzüge verlängern und die Abstände verkürzen, so Hager. Beate Hauser (SPD) warnte davor, dass dadurch weniger Raum für den Personen-Regionalverkehr bleibe. Es dürfe nicht passieren, dass Haltepunkte deshalb geschlossen würden.

Bearbeitung 26.6.2019, 7.23 Uhr: Lösungsvorschlag Ludwig-W. Heidt ergänzt.

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Kommentare

-kwg-

Weitere spannende Verkehrsentwicklungen des europäischen Verständnisses und des deutschen Schienennetzes werfen langen Schatten voraus. Wenn man sich den Zustand einer Trassenausweitung an derzeitiger Fahrstrecke vorzustellen vermag, dann kann so etwas nur in östlicher Richtung verlaufen, und würde einiges an Überredungskunst oder besser gesagt an Zwangsenteignungs-Maßnahmen dort wohnender Menschen und Grundstücksbesitzer bedeuten. Das derzeit auf Gelände Eggensteiner Strasse 83 vorgesehene Pflegeheim würde dabei genauso wieder platt gemacht werden, wie einige Gebäude und privates Grundeigentum, jetzt dort schon eigentlich auf der Trasse lebender Bürgerinnen und Bürger. Allein eine solche Variante anzudenken- gehört ins unterste Fach einer Planungsschublade. Insofern ist die bereits gewonnene Erkenntnis, dass sowas als Anbaustrecke nicht funktionieren wird, schon mal positiv zu sehen. Doch heutzutage weiß man nie. Es gibt nur eine Lösung. Weit draußen auf Bundes-oder Landesflächen eine Trasse für den überregionalen Schienenverkehr zu bauen, mit Umsteigebahnhöfen und schnellen Tunneltrassen in die an der Streckenperipherie liegenden Großstädte zwischen Rastatt und Frankfurt. Dass dabei jedoch Reaktionen und nicht zu Ende gedachte politische Ideologien den Rahmen geplanter Nord-Süd- Trassenführungen für Stromnetze, bei weitem noch übertreffen werden, ist nur eine kleine Randerscheinung dieser europäischen Zukunftsmaßnahme. Die Situation in der sich die Entscheidungsträger heute schon befinden, lässt eine Annäherung an die Geschichte Stuttgart 21 / Berlin-Flughafen oder Maut für ausländische Ausländer erwarten. Also mal so salopp gesagt. Wenn die Schweizer es schaffen, von zwei Seiten einen 57 km langen Tunnel (bzw. 2) mit deutschen Tunnelbohrmaschinen, einer Firma aus der Nähe von Lahr zu bohren, dann sollten wir auch in der Lage sein, einen nicht sichtbaren Schienenweg und somit einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden. Sei es eine Tunnelröhre im goldhaltigen Grundgestein des Vater Rhein oder irgendwo in dem freigespülten eingesackten Rheintal zwischen Odenwald und Pfälzer Wald, Schwarzwald und Vogesen zu finden. Auf geht’s Buam. Schaffe, schaffe- Tunnelche baue.

-kwg-

Ich meine natürlich – in westlicher Richtung–


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