“Bis in die Nacht hinein blieben wir in Westberlin”

Von Olaf Matthei-Socha | 06.11.2019 18:00 | Keine Kommentare

1989 – 2019. 30 Jahre Mauerfall (Holger L.)

2019 jährt sich der Fall der Berliner bereits zum 30. Mal. Nur kurze Zeit später waren die DDR und West-Berlin ein Stück Geschichte. Schon im August beschloss die Volkskammer den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland, der kurze Zeit später am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde.

meinstutensee.de hat seine Leserinnen und Leser gefragt, wie sie sich an diesen bedeutenden Abend erinnern. Wo waren sie damals? Auf welcher Seite der Grenze? Welche Gedanken gingen ihnen damals durch den Kopf, welche Gefühle hatten sie?

Heute ein Beitrag von Holger L.


Holger L. am Sonntag nach der Maueröffnung (fotografiert von der Westberliner Seite)

“Den Donnerstagabend des 9. November 1989 verbrachte ich im Wohnheim an meinem Studienort in der Lutherstadt Eisleben (Sachsen-Anhalt). Ich war mit Arbeiten für den nächsten Tag beschäftigt. Nebenbei lief das Radio, meistens mit den Sendern „NDR 2“ oder „DT64“. Dabei wurde auch über die neue Ankündigung berichtet, dass ständige Ausreisen, aber anscheinend auch einfach nur Besuchsreisen ins westliche Ausland, ohne Angabe besonderer Gründe kurzfristig genehmigt werden.

Dies ließ mich freudig aufhorchen, da es auch mein langer Wunsch war, mal den westlichen Teil Deutschlands, über den man schon so viel von Verwandten und den Medien erfahren hatte, persönlich zu sehen. Also besorgte ich mir ein Visum, welches man offiziell brauchte und fuhr den darauffolgenden Sonntag mit einem Schulfreund nach Berlin, Bahnhof Lichtenberg. Über Lautsprecherdurchsagen wurde man darauf hingewiesen, dass vor dem Bahnhofsgebäude Busse der BVG zur Weiterreise nach Westberlin stehen.

Dies klang einfach unglaublich! Ich war im Sommer`89 für drei Wochen in Berlin (Ost) arbeiten und es war unmöglich mal nach Berlin (West) zu gehen. Der Doppelstockbus fuhr nun einfach durch einen der großen Grenzübergänge (ohne Visumskontrolle) und wir wurden an einer U-Bahn-Station abgesetzt. Die Station sowie auch die U-Bahn und ganz Westberlin waren komplett überfüllt. Die Zeit bis in die Nacht hinein verbrachten wir dort, gingen später über einen provisorischen neuen Grenzübergang zurück nach Ostberlin und nahmen einen Zug zurück.

Es war ein besonders eindrucksvoller Tag, da wir eine Stadt besuchen konnten, welche vorher nur aus der unmittelbaren Ferne für uns sichtbar war. Zum Beispiel das Europa-Center am Breitscheidplatz. Da sind wir auf die Aussichtsplattform des dazugehörenden Hochhauses mit dem Mercedesstern. Ich erinnere mich auch an viele klingelnde Radfahrer, das Abendessen in Ostberlin und die Unterhaltung mit einem Westberliner Pärchen am Tisch…  Ah und zugesehen haben wir auch bei der Öffnung eines Mauerstückes nähe Potsdamer Platz.

Etwa ein Jahr später herrschte eine ganz andere Realität in der DDR. So startete ich nach Abschluss des Studiums mit Null Stunden Kurzarbeit ohne Aussicht auf eine Verbesserung der beruflichen Situation. Ich fand eine Anstellung in der Kurpfalz und im Weiteren im Forschungszentrum Karlsruhe. Ich fand es durchaus spannend, in Westdeutschland zu arbeiten. Später haben wir auch den Wohnort hier in Stutensee gewählt.”

(Holger L. lebte zur Zeit des Mauerfalls in der Lutherstadt Eisleben, später führte ihn sein Weg über die Kurpfalz nach Stutensee)

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