“Ein Schritt in meinem Leben, der alles verändert hat”

Von Olaf Matthei-Socha | 03.11.2019 18:00 | Keine Kommentare

1989 – 2019. 30 Jahre Mauerfall (Sylvia Tröger)

2019 jährt sich der Fall der Berliner bereits zum 30. Mal. Nur kurze Zeit später waren die DDR und West-Berlin ein Stück Geschichte. Schon im August beschloss die Volkskammer den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland, der kurze Zeit später am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde.

meinstutensee.de hat seine Leserinnen und Leser gefragt, wie sie sich an diesen bedeutenden Abend erinnern. Wo waren sie damals? Auf welcher Seite der Grenze? Welche Gedanken gingen ihnen damals durch den Kopf, welche Gefühle hatten sie?

Heute ein Beitrag von der Ersten Bürgermeisterin Sylvia Tröger.


“In jeden Leben gibt es ganz besondere Ereignisse… Brüche, die alles verändern. In meiner Vita ist dies auch mit einem bestimmten Datum verbunden, dem 9. November 1989. Ich bin aufgewachsen in einem kleinen Ort in Sachsen und habe dort in meiner Kindheit und Jugend viel Gutes mitbekommen. Die Liebe und Unterstützung meiner Familie, Kindergarten und Schule, ich war aktiv im Sportverein, hatte tolle Freunde.

Aber sehr früh nahm ich wahr , das es auch eine andere Seite gab. Etwas, was die Unbeschwertheit meiner Jugend beeinflusste. Nicht immer sagen zu dürfen, was man dachte, aufzupassen mit wem man über was redet, nicht studieren zu dürfen, was man gern wollte, weil man kritisch war gegenüber dem System und nicht der SED beigetreten ist, ein Vater der über viele Jahre versucht hat, dieses Land zu verlassen, und es nicht durfte. Wo man mit Menschen zu tun hatte, die für ihren eigenen Vorteil andere Menschen bespitzelten, Freunde plötzlich abgeholt wurden und man nicht wusste was mit ihnen passiert.

Dies alles war für mich prägend und sehr früh wurde das Recht auf Meinungsfreiheit und Demokratie die Grundlage für mein Denken und Handeln. Und dies ist bis heute so.

30 Jahre Mauerfall ist ein wichtiges Ereignis, um uns zu erinnern an das geteilte Deutschland , an getrennte Familien, an Menschen die erschossen wurden, weil sie in die Freiheit wollten, an eine Diktatur, die Menschenrechte mit den Füßen getreten hat. Niemals wieder sollte es zu solchen undemokratischen Verhältnissen kommen. 

Ja, sie macht mir Sorge, die Entwicklung in Deutschland. Die Volksparteien die immer mehr an Stimmen verlieren, Populismus von links und rechts, der auf dem Vormarsch ist, eine neue Spaltung zwischen Ost und West, ein Großteil der Menschen, die nicht mehr wählen und damit ihr politisches Desinteresse ausdrücken oder unzufrieden sind. Aber auch das Gefühl von immer mehr Vorschriften, die das Leben bestimmen und die persönliche Freiheit einschränken. Wir müssen aufpassen und uns wieder mehr engagieren für eine gute Entwicklung unseres Landes, Stellung beziehen, sich für demokratische Grundwerte und Freiheit einsetzen und dem Populismus mit guter Politik entgegenwirken.

Den 9. November 1989 habe ich im übrigen in Ulm erlebt mit neuen Freunden aus dem Westen. Ich habe im Frühjahr 1989 mit 21 Jahren, einige Monate vor dem Fall der Mauer, die DDR mit einem Ausreiseantrag verlassen. Ein Schritt in meinem Leben der alles verändert hat. 

Der 9. November 1989 wird immer eines der wichtigsten und glücklichsten Ereignisse in meinem Leben bleiben.

(Die Wendezeit verbrachte Sylvia Tröger in Ulm, aufgewachsen ist sie im sächsischen Meerane.)

Bildquellen

  • Sylvia Tröger: Rolf Stahl
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