„Warum hat er mir das angetan?“

verzweifelte Frau
Symbolbild

Bild: Anemone123/pixabay.com

Von Nadine Lahn | 25.11.2019 7:00 | Keine Kommentare

meinstutensee.de im Gespräch mit einer Betroffenen anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen

von Nadine Lahn und Sofie Wirth

Seit 1981 gilt der 25. November als Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Auf der ganzen Welt organisieren dann zahlreiche Organisationen unterschiedliche Aktionen und Veranstaltungen, um auf das Thema aufmerksam zu machen und zur Bekämpfung von jeglicher Gewalt an Frauen aufzurufen. Dabei geht es nicht nur um physische, also körperliche Gewalt, sondern um viele weitere Arten von Übergriffen.

Quelle: eigene Darstellung

Jedes Jahr werden immer noch über 140.000 Frauen in Deutschland Opfer von partnerschaftlicher Gewalt. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Ingolstadt oder Paderborn. Auch in Stutensee sind immer wieder Frauen betroffen. Denn hier kam es, laut der Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Karlsruhe, im Jahr 2018 zu insgesamt 149 Straftaten, von denen 60 zum Nachteil von Frauen verübt wurden.

Quelle der Zahlen: Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Karlsruhe von 2018
Quelle der Zahlen: Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Karlsruhe von 2018
Quelle der Zahlen: Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Karlsruhe von 2018

„Ich hätte nie gedacht, dass mir oder nahestehenden Personen so etwas passieren könnte.“

Eine von ihnen ist Anna M.* Sie hat sich an meinstutensee.de gewandt, weil sie auf das Thema Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen will. Sie möchte so anderen Betroffenen Mut machen, ihr Schweigen zu brechen und sich von verschiedenen Hilfsangeboten unterstützen zu lassen.

Anna ist 33 Jahre alt und kommt aus Stutensee. Die junge Erzieherin wurde zum Opfer von partnerschaftlicher Gewalt.

„Ich habe keine Musik mehr gehört, weil er das nicht wollte. Ich habe meine Familie nicht besucht, weil er es nicht wollte. Ich habe meine Freunde nicht getroffen, weil er es nicht wollte.“

Anna ist eineinhalb Jahre lang mit ihrem jetzigen Ex-Freund zusammen gewesen. Eineinhalb Jahre, in denen sie nach und nach manipuliert, belogen und in ihrer Lebensqualität eingeschränkt wurde. Anna erinnert sich: Als sie Manuel P.* kennenlernt, ist sie eine lebensfrohe und unternehmungslustige Frau. Doch im Laufe der Beziehung entfernt sie sich immer mehr von ihrem sozialen Umfeld und ihren Interessen. Und das Schlimmste… sie beginnt immer mehr an sich selbst und an ihrem Verhalten zu zweifeln.

 „Am Anfang war er total nett und hat mich mit Komplimenten überschüttet.“

Für Anna war die Beziehung zu Manuel das, worauf sie lange gewartet und sich sehr gewünscht hatte. Er akzeptierte sie und ihr Kind, überhäufte sie mit Komplimenten und gab ihr das Gefühl, wertvoll zu sein… bis er eines Tages handgreiflich wurde. Von da an spricht er wiederholt von seiner Macht über sie. Er verbietet ihr, sich mit Freunden zu treffen, mit anderen Männern zu sprechen und möchte wissen, wann und wo sie sich aufhält.

„Ich kann das alles erklären, du bist doch die Einzige für mich.“

Nach einer langen Zeit, in der sie die Ursachen der Probleme nur bei sich gesucht hatte, begannen die Zweifel an Manuels Verhalten. Wieso durfte sie seine Familie nicht kennenlernen, wieso unternahm er nichts mit ihr und wieso verbot er ihr so viel, wie etwa ihre Freundinnen zu sehen? Sie konfrontierte ihn mit ihren Gedanken, er antwortete mit Streit und Drohungen. Meistens entschuldigte er sich danach ausgiebig bei ihr und versprach ihr ein besseres Leben an seiner Seite.

„Immer, wenn er ausfällig geworden ist, kam die große Entschuldigung. Und ich habe mich immer wieder auf ihn eingelassen“.

Eines Abends, nach einer erneuten Auseinandersetzung, weil Anna sich mit einem Bekannten auf einer Veranstaltung unterhalten hatte, ließ sie es darauf ankommen: Sie wollte wissen, was von alldem, was er ihr eingetrichtert hatte, stimmte und ob er ihr wirklich etwas antun würde. Er antwortete: „Was ich auf WhatsApp geschrieben habe, kannst du als Beweis vorzeigen. Was ich dir aber in Realität sage, kannst du niemandem beweisen“. Anna wird klar, dass Manuel sich zwei Persönlichkeiten aufgebaut hatte. Bei ihr zeigte er sein wahres Gesicht, vor anderen aber war er der perfekte Freund. Keiner würde Anna glauben, wenn sie von seinen schlechten Seiten erzählen und um Hilfe vor ihm bitten würde.

„Der Stress sei Grund für sein Verhalten gewesen. Ich habe mich an diesen Lügen festgehalten.“

Lange hat Anna M. an ihre Beziehung geglaubt und doch merkte sie mit der Zeit, dass ihr etwas fehlt. Ihr fehlten ihre Freunde, ihr fehlte es, Musik zu hören und ihr fehlte es, sie selbst zu sein. Sie holte sich Hilfe bei einem Psychologen.

Als sie wiederholt versucht hatte, Schluss zu machen, nahm sie zum ersten Mal seine Außendarstellung wahr. Nachdem sie hilferufend zu einem Freund gelaufen war, als Manuel versucht hatte, sie zu beschwichtigen und sie in seine Wohnung drängen wollte, tat ebendieser ahnungslos. Er verstehe auch nicht, was los sei und warum sie auf einmal so hysterisch sei. Manuel hatte sich ein Machtgefüge aufgebaut. Bei ihr fühlte er sich überlegen und konnte seinen Kontrollzwang ausleben. Gleichzeitig aber schien er nach außen hin der perfekte Freund zu sein und machte es Anna somit nahezu unmöglich, etwas anderes zu behaupten. Denn ihr würde niemand glauben. Ihr Beruf gab ihr in dieser Zeit Halt und Kraft, war ihr Zufluchtsort. Der Tag gab ihr Freiheit und das ausgeschaltete Handy die Entfernung zu ihm.

„Ich habe mich auch noch lange nach der Beziehung gefragt: Warum hat er mir das angetan?“

„Ich hatte gegen Ende der Beziehung heimlich eine gepackte Tasche im Schlafzimmer stehen. Mir war klar: Irgendwann musste ich weg.“

In kleinen Schritten bereitete sie sich unbewusst auf eine endgültige Trennung vor. Auch die heimlichen Nachrichten zu ihren Freunden, wenn er es nicht mitbekommen konnte, trugen dazu bei, sich nach und nach von ihm zu distanzieren. Das Hin und Her in der Beziehung konnte sie nicht mehr ertragen. Sie wollte wieder sie selbst sein. Nach einem weiteren Trennungsversuch blieb sie schließlich hart und wies jeden Kontakt von Manuel ab. Anna erhielt dabei Hilfe von ihrer Familie, fand ebenfalls Unterstützung von Freunden und Nachbarn, um sich von ihrem damaligen Freund zu trennen. Die Ungewissheit, ob er sie in Ruhe lassen würde, trieb sie letztendlich zusätzlich zu einer Aussage bei der Polizei. „Leider verspüren Opfer häuslicher Gewalt oft Scham und suchen sich spät oder gar keine Hilfe. Eine große Rolle spielt dabei meist die Angst um Leib und Leben sowie Befürchtungen um familiäre und finanzielle Konsequenzen“, erklärt der Soziale Dienst in Stutensee. Auch Anna M. hatte lange aus Angst um ihre Familie und Freunde geschwiegen und traute sich erst spät, sich jemanden zu öffnen.

„Ich bin so froh, dass ich einen Schlussstrich gezogen habe. Ohne so viel Unterstützung hätte ich das nicht geschafft. Meine Tochter gibt mir jeden Tag neue Kraft und Mut, die Angst vor ihm zu bekämpfen.“

Anna M. hat sich schließlich geöffnet, hat sich aus ihrem Umkreis Hilfe geholt und hat den „Kampf“ für sich gewonnen. Auch das Buch einer Frau, die dasselbe Schicksal teilt, hat ihr geholfen, die Vergangenheit Schritt für Schritt aufzuarbeiten. Sie möchte daher auf verschiedene Möglichkeiten der Hilfeleistung, wie etwa das Hilfetelefon verweisen. Dieses ist unter der Nummer 08000 116016 kostenlos und jederzeit zu erreichen. Alle Informationen werden dort anonym und diskret behandelt.

Oft zweifeln Frauen an sich selbst oder denken ihre Geschichte sei zu banal, um sich hierbei Unterstützung zu suchen, doch das sollten sie nicht. „Häusliche Gewalt ist auch heutzutage oftmals noch ein Tabu-Thema in der öffentlichen Wahrnehmung. Dabei ist es jedoch wichtig, offen über diese Problematik zu sprechen um sowohl Betroffene als auch die Allgemeinheit weiter zu sensibilisieren“, so der Soziale Dienst Stutensees.

Die Beratung des Hilfetelefons ist zudem nicht nur für Betroffene geeignet. Auch Angehörige können dort anrufen und Rat erhalten.

„Und wenn es auch nur eine Person ist, die sich an das Hilfetelefon wendet, dann hat sich das darauf aufmerksam machen schon gelohnt. Damals wusste ich selbst einfach nicht, an wen ich mich wenden sollte“, so Anna abschließend.

*Namen von der Redaktion geändert


Weitere Anlaufstellen für Betroffene im Raum Stutensee

AnlaufstelleTelefonnummer
Polizeinotruf110
Hilfetelefon0800/0116016
Verein zum Schutz misshandelter Frauen und deren Kinder e.V.0721/86005775
Wildwasser u. FrauenNotruf Verein gegen sexuelle Gewalt an Mädchen u. Frauen e.V. Beratungsstelle0721/859173
Sozialdienst katholischer Frauen Stadt- und Landkreis Karlsruhe e.V.0721/824466
Psychlogische Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche des Landkreises Karlsruhe0721/93667050

Weitere Anlaufstellen im “Frauenhandbuch des Landkreises Karlsruhe“.


Aktion “Schweigen brechen” des Hilfetelefons

Auch die Redaktion und Freunde von meinstutensee.de haben sich an der Kampagne des Hilfetelefons anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen beteiligt:

Bildquellen

  • verzweifelte Frau Gewalt Angst: Anemone123/pixabay.com

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