“Wir konnten gar nicht richtig fassen, was wir da sahen”

Von Olaf Matthei-Socha | 02.11.2019 21:00 | Keine Kommentare

1989. 2019 – 30 Jahre Mauerfall (Petra Becker)

2019 jährt sich der Fall der Berliner bereits zum 30. Mal. Nur kurze Zeit später waren die DDR und West-Berlin ein Stück Geschichte. Schon im August beschloss die Volkskammer den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland, der nur kurze Zeit später am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde.

meinstutensee.de hat seine Leserinnen und Leser gefragt, wie sie sich an diesen bedeutenden Abend erinnern. Wo waren sie damals? Auf welcher Seite der Grenze? Welche Gedanken gingen ihnen damals durch den Kopf, welche Gefühle hatten sie?

Den Anfang macht heute, genau eine Woche vor dem 9. November 1989, Oberbürgermeisterin Petra Becker.


Petra Becker

Ich erinnere mich noch sehr gut an den 9. November 1989 – ich spielte gerade mit meiner damals zweijährigen Tochter, als im Fernseher im Zimmer nebenan am frühen Abend die ersten Berichte über die neue Reiseregelung kamen. Wir saßen an diesem Tag noch bis spät in die Nacht wie gebannt vor dem Fernseher und verfolgten die Geschehnisse. Wir konnten gar nicht richtig fassen, was wir da sahen. Mein Mann und ich spielten sogar kurzfristig mit dem Gedanken, noch in der Nacht gemeinsam mit unserer Tochter nach Berlin zu fahren, so sehr begeisterte uns die Bilderflut aus den Nachrichten und die sich überschlagenden Ereignisse.  

Ich denke im Grunde gerne zurück an diese Zeit und die damalige enthusiastische Aufbruchsstimmung. Wir hatten das Gefühl und sahen die Chance, Deutschland neu zu erfinden. Ich bin 1961 geboren, also quasi mit der Mauer aufgewachsen und hatte – wie die meisten Menschen damals – ein geeintes Deutschland bis dato gar nicht für möglich gehalten. Gerade wenn man die Grenzbereiche kannte – mein Mann ist gebürtiger Marburger – konnte man sich kaum vorstellen, dass dies einmal freies Land werden würde. Das hat mich sehr beeindruckt und inspiriert. Ich erinnere mich, wie wir in den darauffolgenden Tagen und Wochen oft stundenlang mit Freunden und Verwandten zusammensaßen und es gab kein anderes Thema. Wir kannten ja die Situation der Menschen in der DDR und hegten nun gemeinsam die motivierende Hoffnung, dass die Menschen gleichberechtigt in ihren individuellen Lebensarten und Besonderheiten aufeinander zugehen und wir einen gemeinsamen Neuanfang starten konnten.

(Petra Becker ist in Friedrichstal geboren und aufgewachsen, die Wendezeit erlebte sie im benachbarten Karlsruhe)

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