Schulen in der Corona-Krise: Fluch oder Segen für Familien und Lehrpersonal

Richard-Hecht-Schule Spöck

Beitragsbild: Martin Strohal

Von Meike Greulich und Michelle Rebel | 11.06.2020 21:42 | Keine Kommentare

Die Bildungseinrichtungen in Stutensee stehen wegen der Corona-Maßnahmen vor wechselnden Herausforderungen. Durch die Schulschließungen ergaben sich in den letzten Monaten erhebliche Änderungen im Tagesablauf der Stutenseer Familien mit Schulkindern. Wir von meinstutensee.de wollten wissen, wie die Schulen und Familien die Situation meistern und wie sich der Unterricht in den eigenen vier Wänden gestaltet. Dazu haben wir Schulleitungen sowie Eltern aus Stutensee befragt.

Um die Ausbreitung des Coronavirus einzuschränken, wurden Mitte März die Schulen in Deutschland geschlossen. Wie gehen die Schulen in Stutensee mit dieser Krisensituation um? Einen Vorteil für die Unterrichtsgestaltung haben die Schulen, die schon vor Corona technisch aufgerüstet hatten. Nach Angaben der Stadtverwaltung sei dies in den Stutenseer Schulen der Fall. Alle Schulen seien digital gut aufgestellt und verfügten über alle relevanten Endgeräte und leistungsfähige Internetanschlüsse.

Die Stadt als Träger sei bemüht, die Schulen in allen Bereichen zu unterstützen, bestätigt auch Inge Steimer, Rektorin der Erich-Kästner-Realschule (EKRS) in Blankenloch. Doch ganz so einfach gestaltete sich die digitale Kommunikation in den ersten Wochen nicht. „Am Anfang, die ersten Wochen, ist dieses „Moodle“ regelmäßig abgestürzt, da ging gar nichts“, so die Mutter eines Realschülers an der EKRS. Mittlerweile sollen diese Schwierigkeiten allerdings behoben sein, und der junge Schüler erhält jeweils zu Beginn der Woche seine Aufgaben. Statt Klassengemeinschaft und gewohntes Klima innerhalb der Schule berichtet die Mutter des Fünftklässlers von jeweils einer Stunde Onlineunterricht am Tag. Ausnahme bilde der Freitag mit manchmal zwei Stunden. Eine Situation, die sowohl für Kinder als auch Eltern nervlich anstrengend sei.

Soziale Kontakte fehlen

Zum Schulalltag vor Corona zählte immer der persönliche Austausch zwischen Lehrpersonal und Schülerinnen und Schülern. Gruppen- oder Partnerarbeiten waren an der Tagesordnung und Lehrerinnen und Lehrer besprachen Fragen oder auch Hausaufgaben direkt mit den Schülerinnen und Schülern. Durch den Heimunterricht sei das allerdings kaum möglich. Zwar gebe es Onlineplattformen wie „Padlet“, „Moodle“ oder auch „BigBlueButton“, über die man Videokonferenzen und Lernmaterialien bereitstellen wolle. Doch was an Technik schnell bereitstellbar sei, fehle zunehmend an der pädagogischen und sozialen Komponente. „Kinder brauchen Kinder. Nicht nur zum fachlichen Lernen, auch zum sozialen Lernen und zur Ausgewogenheit“, meint der Vater eines Grundschülers aus Staffort.

Die Rückmeldungen über die fehlenden Sozialkontakte kennt auch Silvia Anzt, Schulleiterin des Thomas-Mann-Gymnasiums (TMG) in Blankenloch. Sie verstehe die Sorgen der Eltern und versuche, mit bestimmten Hausaufgaben die Motivation der Schülerinnen und Schüler aufrechtzuerhalten. „In einer 5. Klasse wurde der Auftrag gegeben, einen Papierflieger zu bauen und auszugestalten, wobei es Punkte sowohl für die später gemeinsam auszuprobierenden Flugeigenschaften als auch die künstlerische Gestaltung geben soll. Diese Perspektive auf gemeinsames Tun in der Zukunft ist ein die Schüler auch mental unterstützendes Attribut dabei“, so Anzt.

Eltern als Lehrer

Friedrich-Magnus-Schule Friedrichstal

Besonders gefordert sind die Kinder in den Grundschulen. Hier gibt es sehr unterschiedliche Erfahrungen von Seiten der Familien. “An der Zusammenarbeit mit den Lehrern der 1. Klasse war nichts auszusetzen”, berichtet eine Mutter aus Friedrichstal. Die Klassenlehrerin habe telefonisch und per E-Mail für Rückfragen zur Verfügung gestanden. Videochats oder Online-Unterricht hätte es in Friedrichstal aus Datenschutzgründen nicht gegeben und weil nicht alle Familien die nötige technische Ausrüstung hätten, so die Begründung der Schulleitung.

Drais-Grundschule Staffort
Drais-Grundschule Staffort

Andere Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind und nur eingeschränkt Home-Office machen können, stellt die Situation vor größere Probleme. Ein Vater aus Staffort zeigt sich enttäuscht von der Grundschule: “Es wurde in keinster Weise mit den Kindern gearbeitet.” Die Aufgaben seien über die Elternvertreter verteilt worden. Es habe in den letzten zwölf Wochen keine direkte Kommunikation zwischen Lehrer und Klasse oder Lehrer und Eltern stattgefunden. Eine andere Mutter aus Staffort berichtet hingegen, dass der Beginn sehr schwierig gewesen sei, dass es aber nach sechs Wochen erstmals Kontakt zur Klassenlehrerin gegeben habe.

“Bei uns hat die Klassenlehrerin auch mal angerufen, um sich einen Überblick zu verschaffen, wie es funktioniert”, erzählt die Mutter einer Friedrichstaler Grundschülerin. Mit den Aufgaben habe alles gut funktioniert. Die Online-Angebote “Mathepirat” und “Antolin” hätten für Lernmotivation bei ihrer Tochter gesorgt.

Die Schulleiter:innen der Grundschulen standen uns für Fragen nicht zur Verfügung.

Sorge wegen verpasstem Stoff

Zurück bleiben die Ängste der einiger Eltern. Auch die Mutter des Schülers an der EKRS fühlt sich nicht ausreichend ausgebildet, um ihrem Sohn zu Hause einen vergleichbaren Unterricht zu ermöglichen, wie dieser eigentlich in seiner Schule durch Lehrpersonal erfolgen würde. Die Folge sind Bedenken bezüglich der Zukunft des Schülers. Manche Eltern sorgen sich, inwieweit der verpasste Unterrichtsstoff in kommenden Jahren für Defizite sorgen wird.

In den kommenden Wochen sollen die Schulen langsam wieder öffnen. Allerdings müsse man damit rechnen, dass der Lehrplan nicht wie geplant umgesetzt werden könne und die Schülerinnen und Schüler einiges nachholen müssen. „Ich gehe davon aus, dass im nächsten Schuljahr noch Lücken geschlossen werden müssen“, bestätigt Anzt.

Wiederaufnahme des Unterrichts

Für die Wiederaufnahme des Schulunterrichts seien strenge Hygiene- und Abstandsregeln verpflichtend. In der Praxis seien diese nicht so leicht umsetzbar wie in der Theorie. „Vor allem die 1,50 Meter-Abstandsregelung macht uns auf den Gängen und Treppen Probleme, weil Schüler – und manchmal auch Lehrer – sie einfach vergessen einzuhalten. 1,50 Meter ist nämlich ganz schön viel“, erklärt Anzt. Ebenfalls dürfe man die Risikogruppen nicht außer Acht lassen.

Doch trotz aller Schwierigkeiten betonen sowohl Eltern als auch die Schulleitungen eine positive Konsequenz aus der neuen Situation. „Wir erfahren derzeit jeder auf seine Art, wie wichtig und wertvoll Lernen und Arbeiten in der Gemeinschaft und im direkten Austausch miteinander ist.“ Die Unterstützung und Hilfsbereitschaft sei auf beiden Seiten gegeben. Und bis es wieder normalere Zeiten gebe, werde versucht ein Konzept mit so viel „Schulalltag“ wie möglich zu erarbeiten, das sowohl die Eltern- als auch Lehrerperspektive berücksichtige.

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