Anzt: “Schüler stehen im Mittelpunkt”

TMG-Schulleiterin Silvia Anzt

Beitragsbild: Martin Strohal

Von Martin Strohal | 20.06.2022 21:52 | Keine Kommentare

Neun Jahre war Silvia Anzt Schulleiterin des Blankenlocher Thomas-Mann-Gymnasium. Zum Ende des Schuljahres geht sie in den Ruhestand. Im Abschlussgespräch mit meinstutensee.de blickt sie zurück auf ihre Zeit als Leiterin der größten Stutenseer Schule, über ihr pädagogisches Leitbild, die Rahmenbedingungen – und wieso sie gegen die Einführung eines digitalen Vertretungsplans war.

In Magdeburg geborene Mathematikerin

Mathematiker-Uhr im Büro von Silvia Anzt

Silvia Anzt ist Mathematikerin durch und durch. Davon zeugt nicht nur die Wanduhr in ihrem Arbeitszimmer. “Schon Ende der sechsten oder siebten Klasse stand fest, dass ich Mathematik studieren wollte”, erzählt sie. Dieser Entschluss sei nie ins Wanken gekommen. Ihr Interesse an Mathematik hatte ihr eigener Mathelehrer damals am Karlsruher Fichte-Gymnasium geweckt. Silvia Anzt war in Magdeburg geboren worden und mit den Eltern vor dem Bau der Mauer aus der DDR geflüchtet. In der Karlsruher Waldstadt fand sie ein zu Hause, mit Unterbrechung bis heute.

“Zweite Heimat für die Kinder”

Neben der Mathematik liegen ihr aber vor allem die jungen Leute am Herzen. “Die Schule soll für die Kinder eine zweite Heimat sein”, meint sie, selbst Mutter zweier Kinder. “Auch wenn Schüler nicht so gern in die Schule gehen, prägt sie sie enorm in ihrem Lebensweg.” Für die Heranwachsenden sei es gut, einen Bereich zu haben, der unabhängig vom Elternhaus ist. Deshalb habe sie auch versucht, Eltern nicht zu viel reinreden zu lassen. “Schüler haben Verantwortung für sich, das müssen sie lernen!”

Dabei war es nicht Anzts Ziel, es möglichst allen Recht zu machen. Vielfach wurde von Seiten der Schüler:innen ein digitaler Vertretungsplan gefordert, auch im städtischen Jugendforum. Doch Anzt lehnte ab. Nicht aus Engstirnigkeit, sondern aus pädagogischen Gründen. Sie wollte die Eigenverantwortung der jungen Leute stärken. Damit widerspricht sie im Übrigen auch ihrem Ehemann, der selbst stellvertretender Schulleiter ist und es anders sieht. “Bis zu diesem Jahr wird das noch durchgezogen”, so Anzt. Danach entscheide ihr Nachfolger.

Schulleiterin war nie Karriereziel

Zum Schuljahr 2008/09 ist Silvia Anzt als stellvertretende Schulleiterin an das Thomas-Mann-Gymnasium gekommen. Ihre berufliche Laufbahn als Lehrerin hat sie in Baden-Baden begonnen. Als ihr Mann eine Stelle in Karlsruhe bekam, ließ sie sich versetzen und unterrichtete 17 Jahre lang am Helmholtz-Gymnasium. Was dann kam, bezeichnet sie im Rückblick als mögliche Verarbeitung der Midlife-Krise: Nach Anstoß von außen konnte sie sich die Stelle einer stellvertretenden Schulleiterin vorstellen. Doch es klappte nicht auf Anhieb. “Man hat nicht nur Siege zu verzeichnen”, stellt sie heute nüchtern fest. Der dritte Versuch war dann in Stutensee, wo sie sich allerdings keine große Hoffnungen machte. “Da ist doch schon eine Frau Schulleiterin. Die auf dem Dorf werden doch nicht zwei Frauen nehmen”, vermutete sie. Doch es hat geklappt, so dass sie zur Stellvertreterin von Monika Wallenwein wurde. Das hätte auch so weitergehen können, meint Anzt. Sie seien ein gutes Team gewesen, obwohl Wallenwein ganz anders gestrickt gewesen sei.

Anzt hatte nicht den Plan, selbst Schulleiterin zu werden. Aber als ihre Chefin 2013 in den Ruhestand ging, stand sie vor der Wahl. Sie kannte ihre Stärken, aus ihrer Sicht vor allem im organisatorischen Bereich, aber auch ihre Schwächen: “Ich halte sehr ungern Reden!” Die Aufgabenverteilung zwischen Schulleitung und Stellvertretung sei jedoch nicht festgelegt. “Wenn Sie sich nicht bewerben, kommt einer, der all das übernimmt, was Sie bisher gern gemacht haben” – wieder war es ein Hinweis von außen, der sie motivierte, sich zu bewerben. “Ich habe es nicht bereut”, sagt sie heute. Gleichzeitig betont sie: “Ich bin nicht Schulleiterin geworden wegen des Gehalts oder um das Sagen zu haben!” Im Mittelpunkt ihres Wirkens habe nicht das Amt gestanden, noch nicht einmal die Lehrkräfte. “Sondern immer die Schüler!”

“Schüler sollen Verantwortung übernehmen”

Mit ihrem Umfeld, insbesondere dem Kollegium, habe sie Glück gehabt. Wobei: “Die machen auch nicht alles, was ich sage”, sagt sie lachend und berichtet von ihrer Niederlage zur Einrichtung einer Handyzone. Die wurde von der Lehrerschaft abgelehnt. Heute findet Anzt es gut, dass es nicht dazu gekommen ist. Der Einfluss digitaler Medien sei schon sehr groß geworden, und Schüler sollten in der Schule miteinander interagieren.

Ihr Ziel für die jungen Leute: “Sie müssen Verantwortung übernehmen für diese Welt.” Dazu gehörten auch Fächer und Unterrichtsstoff, der im späteren Leben vermeintlich keine Rolle spiele. Doch man schule sein Denkvermögen damit – “Nicht die einfachen Antworten sind die richtigen!” – und tue auch etwas für seine Frustrationstoleranz.

Ob am Thomas-Mann-Gymnasium alles so laufe, wie sie es sich wünsche? Die Bildung hänge sehr vom Herzblut der Lehrer ab. Sie vertraue ihren Lehrer:innen – für sie nach wie vor ein schöner Beruf. Kritik übt sie vielmehr am Umfeld. Sie wünsche sich kleinere Klassen, ohne eine größere Schule zu bekommen. Sie wolle noch wissen, wer wohin gehört, wenn sie jemanden auf dem Gang trifft. Das gehe nicht bei 1500 Schüler:innen. Aktuell besuchen 780 das TMG.

“Kultusministerium hat Scheu vor Entscheidung”

Fünf verschiedene Kultusminister:innen hat Anzt erlebt. Jeder habe eigene Schwerpunkte. “Das tut einer Schullandschaft nicht gut”, urteilt sie. Außerdem kritisiert sie, dass immer mehr Verantwortung den Schulen übertragen werde. “Scheu vor einer Entscheidung”, bescheinigt sie dem Ministerium. Dieses müsste auch manchmal Gegenwind aushalten.

Brandschutz: “Schwerpunkte nicht richtig gesetzt”

Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung? “Ein sehr heikles Thema!” Im Baubereich, insbesondere beim Brandschutz, gebe es große Diskussionen. “Man muss sich fragen, ob Schwerpunkte richtig gesetzt wurden.” Bei der Modernisierung des Schulgebäudes aus den Siebzigerjahren sei sie am Ende “schon etwas ungeduldig” geworden. Der vierte Bauabschnitt sei sehr technisiert geplant worden und habe die kleinsten Fenster. Durch viel Glas sei es auch ein sehr warmer Abschnitt. Das sei in Zeiten von Klimawandel ein Problem, da müsse man sich etwas einfallen lassen.

“Schule digital gut aufgestellt”

Für das Hauptamt unter Leitung von Edgar Geißler hat Anzt hingegen viel Lob übrig. “Dass wir digital so gut aufgestellt sind, verdanken wir Herrn Geißler.” Er habe manche Sachen ausgeschöpft, so sinnvoll es ging. Schon vor dem Homeschooling wegen Corona habe es am TMG Tablets für die Lehrer gegeben. Die Schule habe statt Whiteboards immer Tafeln und Projektionsflächen in den Räumen gewollt. Das sei entsprechend umgesetzt worden.

Wer wird Nachfolger?

Nun geht Silvia Anzts Amtszeit dem Ende entgegen. Ein Nachfolger sei bereits vom Kultusministerium unter Einbeziehung des Schulträgers und der Schulkonferenz bestimmt worden. Um wen es sich handelt, wird im Rahmen ihrer Verabschiedung am 14. Juli verkündet werden. Bis dahin sei sie schließlich Schulleiter. “Solange ich es bin, kann es keinen anderen geben.”

Ob sie der Schule auch im Ruhestand verbunden bleibe? Anzt zögert. Im Schulchor mitzusingen, könne sie sich vorstellen. Aber sonst nichts mehr. “Das ist dann nicht mehr meins.” Auch die frühere Schulleiterin sei nach ihrer Verabschiedung nie wieder in der Schule aufgetaucht. Aber sie könne sich vorstellen, ihre Fähigkeiten an anderer Stelle einzubringen.

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