Mit Herzblut für bedürftige Kinder in Osteuropa

Frank Ramstötter, Verena Troßbach mit Kindern

Beitragsbild: privat

Von Martin Strohal | 29.11.2022 19:51 | Keine Kommentare

In der ukrainischen Stadt Charkiw fallen russische Bomben. Noch bevor die Nachrichtensendungen in Deutschland darüber berichten, gehen in Blankenloch auf Frank Ramstötters Handy die ersten Mitteilungen ein. Er steht per Messenger in ständigem Austausch mit ukrainischen Familien, die von seinem Verein “Schaukelpferd” unterstützt werden. Ramstötter war der erste, der Flüchtlinge mit dem Bus abgeholt und nach Stutensee gebracht hat. Seit fast zehn Jahren schon versucht er gemeinsam mit seiner Frau Verena Troßbach armen Kindern in Osteuropa eine besser Zukunft zu geben. meinstutensee.de hat die Familie in Blankenloch besucht.

Frank Ramstötter war mit seinem Verein Schaukelpferd e.V. der erste, der kurz nach Kriegsbeginn Menschen aus der Ukraine nach Stutensee holte, um sie hier aufzunehmen. Seine Frau Verena Troßbach und er schrieben mehrere Busunternehmen an, um eine Fahrt zu organisieren. “Und wenn man den Bus hat und Leute mit her nimmt, kann man ja unmöglich leer hinfahren”, so Troßbach. Über das Internet stieß sie auf einen Verein in Paderborn, der eine Partnerschaft mit Medyka, einem Dorf direkt an der polnisch-ukrainischen Grenze, hatte. Noch abends um halb zehn telefonierte sie mit Paderborn und bekam einen Kontakt ins Grenzgebiet. Von der Kontaktperson kam dann die Liste der dringend benötigten Dinge. “Fast ganz Karlsruhe stand nach dem Aufruf vor unserer Tür”, so Ramstötter.

Feldbetten in der Spechaahalle

Noch während Frank Ramstötter mit dem Bus in Richtung ukrainische Grenze und zurück unterwegs war, hing seine Frau in Stutensee am Telefon, um Gastfamilien für die Geflüchteten zu finden. Am Ende konnten alle privat untergebracht werden. “Die Gastfamilien wussten ja gar nicht, was auf sie zukommt”, so Troßbach. “Manche Ukrainer sind seit Anfang März bis heute noch bei ihnen.” Da der Bus mit den Geflüchteten um 2 Uhr nachts in Stutensee ankam, mussten diese in der Spechaahalle auf Feldbetten untergebracht werden. Troßbach und Ramstötter sind voll des Lobes für die Stadtverwaltung. Insbesondere die Integrationsbeauftragte Christiane Seidl-Behrend habe schnell und unbürokratisch geholfen.

Wärmedecken für Kinder

Aktuell führt der Verein die Aktion “Wärmedecken für Kinder in Charkiw” durch, für die noch Spenden gesucht werden. Eine Kontaktperson vor Ort kauft die Decken für 10 Euro das Stück und verteilt sie an die Familien. Finanziert werden sie von Ramstötters Verein. Bedürftige Familien können sich online registrieren und werden bei der Übergabe fotografiert, damit der Verein in Deutschland den Überblick über die Verwendung der Spendengelder hat. “Die ersten fünfzig Decken sind ausgeteilt”, so Ramstötter erfreut. Der Winter in der Ukraine sei kalt, der Strom falle häufig aus, und auch andere Heizmittel seien knapp.

Eigentlich gehören solche Hilfsaktionen nicht zur Hauptaufgabe des Vereins. Vielmehr betreut er bedürftige Kinder in Osteuropa im Rahmen einer Patenschaft langfristig. In der Ukraine sind es inzwischen 27 Kinder. Es gebe sogar eine Warteliste. Schon vor dem Krieg habe es in Charkiw strukturelle Armut gegeben.

Beginn vor 10 Jahren in Bulgarien

Angefangen hat die ehrenamtliche Arbeit vor inzwischen fast zehn Jahren.

Eine Kindheit ohne Sorgen, behütet aufgewachsen, zwei Kinder – “Das Leben lief perfekt, besser hätten wir es uns nicht wünschen können”, beschreibt Frank Ramstötter seine damalige Situation. Statt sich zurückzulehnen, wollten er und seine Frau etwas von ihrem Glück abgeben. Ziemlich schnell stand fest, dass es Kinderpatenschaften in ärmeren Ländern werden sollten. In die engere Auswahl kamen schon damals Bulgarien, Rumänien und die Ukraine. “Es sollte in Europa sein, um auch mal mit der Familie hinfahren zu können”, erläutert Ramstötter.

Über das Internet stießen Ramstötter und seine Frau Verena Troßbach damals auf ein Sternsinger-Projekt, bei dem für ein Kinderheim in der bulgarischen Stadt Varna gesammelt wurde. Über die Sternsinger lernten sie ein aus Deutschland nach Bulgarien ausgewandertes Ehepaar kennen, das dort schon drei Familien betreute. “Das waren die ersten drei Familien, die wir damals aufgenommen haben”, erinnert sich Ramstötter. Vor Ort in Varna wurden die Blankenlocher auch den Mutter-Teresa-Schwestern vorgestellt, die den Kontakt zu weiteren Familien herstellten, sobald der Verein weitere Kapazitäten hatte.

Im Schnitt zwei- bis dreimal im Jahr besucht die Familie aus Blankenloch die Patenkinder im bulgarischen Varna. Zudem bestehe laufend Kontakt per Messenger. Die Sprachhürde wird mit Hilfe des Google Translators überwunden. Vor Ort in Bulgarien helfen Übersetzer, insbesondere bei Behördengängen. “Sonst ist man hoffnungslos verloren”, so Ramstötter.

Patenschaften: “Damit die Kinder irgendwann auf eigenen Beinen stehen”

Schaukelpferd finanziert keine Hilfsorganisationen vor Ort, sondern sucht und betreut Kinder und deren Familien selbst. Die Unterstützung der Familien fällt unterschiedlich aus. Mal fehlt Holz zum Heizen, mal übernimmt der Verein einen Teil der Miete oder der Lebensmittel, ein Ticket für den Nahverkehr – ganz nach der jeweiligen Situation. “Es geht immer darum, dass die Kinder teilhaben können und dass etwas aus ihnen wird”, so Verena Troßbach. “Es geht um nachhaltige Hilfe”, ergänzt Ramstötter. “Die Kinder sollen irgendwann auf eigenen Beinen stehen.” Außerdem wolle man keine Abhängigkeit schaffen. Die Übernahme der Miete im Fall eines Mädchens sei eine Ausnahme, da dieses kurz vor Abschluss seiner Ausbildung stehe und bald sein eigenes Geld verdiene. Aber es sei dringend nötig gewesen, dass sie mit ihrer Schwester aus der vorigen kleinen und verdreckten Wohnung rauskam, um sich auf das Lernen konzentrieren zu können.

Beim Bezahlen von Rechnungen ist der Verein vorsichtig. “Natürlich kennt man seine Familien”, so Ramstötter. Bei manchen müsse man etwas aufpassen, bei anderen weniger. Es werden vorab Kostenvoranschläge eingeholt, Belege werden als Foto geschickt. Bisher habe es dabei keine größeren Probleme gegeben.

Patenschaften in Charkiw

Im Juni 2022 hat der Verein angefangen, Familienpatenschaften in der Ukraine aufzubauen wie in Bulgarien, wo aktuell 22 Kinder in 12 Familien betreut werden. Über Facebook kam der Kontakt mit Menschen vor Ort in Charkiw zustande. Da es hier keine Vertrauensperson gab, überlegte sich Ramstötter einen Prüfmechanismus, um beispielsweise die Identität festzustellen. Fünf Familien aus dem Patenschaftsprojekt hat er inzwischen nach Deutschland geholt. “Wir kümmern uns darum, dass sie hier einen guten Start haben, aber es ist nicht Aufgabe unseres Vereins, sie hier weiter zu unterstützen”, erklärt Ramstötter. Persönlich seien aber gute Beziehungen entstanden. Im Sommer habe er alle Familien viermal zu Ausflügen eingeladen, um auch eine Verknüpfung untereinander zu ermöglichen.

“Alle in der Familie müssen das mittragen”

“Es war ein besonderes Jahr”, sagt Troßbach mit Blick auf den Krieg in der Ukraine. Mindestens drei bis vier Stunden täglich verbringt Ramstötter mit der Vereinsarbeit – neben seinem Beruf. Zeit für anderes bleibe kaum. “Alle in der Familie müssen das mittragen”, sagt Troßbach. Auch die beiden Kinder seien voll dabei. “Es ist vielleicht etwas verrückt”, so Ramstötter lachend. “Aber es kommt wahnsinnig viel Dankbarkeit zurück. Es wird nicht einfach so hingenommen.” Ein Mädchen hätte in der Ukraine sterben können, wenn es nicht in Deutschland hätte behandelt werden können.

Der Verein “Schaukelpferd” ist klein. Ramstötter und Troßbach sind der harte Kern, es gebe jedoch weitere Mitglieder, die bei Bedarf helfen. Dazu kommen Fördermitglieder, die die Arbeit finanzieren. Informationen dazu sind auf der Website des Vereins www.schaukelpferd.name zu finden.

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