Sven Schiebel: “Offenes Ohr für die Menschen”

Sven Schiebel

Bild: privat

Von Martin Strohal | 19.05.2026 21:34 | Keine Kommentare

Sven Schiebel (Freie Wähler) tritt am 12. Juli 2026 zum zweiten Mal bei einer Oberbürgermeisterwahl in Stutensee an. meinstutensee.de hat sich mit den aktuellen Kandidaten einzeln zum Gespräch getroffen, um mehr über ihre Ziele zu erfahren.

Der folgende Text ist eine Zusammenfassung des Gesprächs. Das vollständige Interview steht als Podcast am Ende der Seite zur Verfügung.

Person und Werdegang

Sven Schiebel ist gelernter Fotograf und führte 30 Jahre lang ein eigenes Fotostudio in Stutensee. Parallel zu seiner Selbstständigkeit studierte er Vollzeit Psychologie. Gemeinsam mit seiner Frau betrieb er 15 Jahre ein Familiengruppenhaus, in dem dauerhaft vier Mädchen vom Jugendamt lebten. Als Hobbys nennt er Motorradfahren und Snowboarden, bevorzugt in den Bergen. Stutensee fühlt er sich stark verbunden: Er sei hier geboren und aufgewachsen, sein soziales Umfeld und Netzwerk lägen vollständig vor Ort, und seit 2019 ist er Mitglied im Gemeinderat.

Motivation und Führungsstil

Schiebel kandidiere, weil er in Stutensee seit Jahren Fehlentwicklungen sieht und befürchtet, dass die Stadt zu einer Schlafstadt für Karlsruhe wird. Er kritisiert, dass das soziale Leben abnehme und Menschen in allen Altersgruppen – von jungen Erwachsenen bis zu Senioren – vereinsamten. Im Vergleich zu seiner früheren Kandidatur vor acht Jahren sieht er heute bessere Chancen, weil die Menschen sein Engagement in allen Stadtteilen beobachten konnten und er als Gemeinderat für sie direkt ansprechbar sei.

Seinen Führungsstil beschreibt er als “partizipativ”. Im Rathaus wolle er die fachliche Kompetenz der rund 200 Beschäftigten durch offene Kommunikation einbinden und ein Betriebsklima schaffen, in dem Mitarbeitende gerne arbeiten und nicht krank werden. Als Schwäche nennt er sein hohes Tempo und die Vielzahl paralleler Projekte, was andere zeitweise stark fordere; er habe jedoch gelernt, dass nicht alle diese Geschwindigkeit mitgehen könnten.

Jugend, Beteiligung und Jugendarbeit

Jugendbeteiligung sieht Schiebel nur dann als wirksam an, wenn Jugendliche sie auch wollen. Aufgabe der Stadt sei es, möglichst viele junge Menschen aus unterschiedlichen Milieus und Schulen anzusprechen. Das bestehende Jugendforum bewertet er als ambitioniert, aber in seiner Reichweite begrenzt. Als eine seiner ersten Maßnahmen würde er eine große Party für junge Menschen organisieren, kombiniert mit Beteiligung: Auf Stellwänden sollen Jugendliche – gern auch anonym – Wünsche, Anliegen und Sorgen notieren können, um ein breites Bild ihrer Themen zu erhalten. Er verweist auf seine Arbeit als Erziehungsbeistand, in der er Jugendliche unterstütze, wenn familiäre Strukturen oder Hilfesysteme nicht mehr tragen.

Für die Jugendangebote in den Stadtteilen hält er aufsuchende Jugendarbeit für entscheidend, da Stutensee weitläufig sei. Vereine leisteten zwar gute Jugendarbeit, erreichten aber jeweils nur bestimmte Zielgruppen. Ergänzend wolle er eine „freie Jugendwerkstatt“ mit einem ausgebauten Bauwagen etablieren, der abwechselnd in allen Stadtteilen steht. Jugendliche sollen dort gemeinsam mit fachkundigen Seniorinnen und Senioren eigene Projekte umsetzen, vom Möbelbau bis zur Fahrradreparatur.

Klima, Aktionsplan und Stadtentwicklung

Beim Klimaschutz sieht Schiebel Stutensee bereits auf einem gewissen Niveau, insbesondere bei Energieeinsparungen, hält die Möglichkeiten der Stadt aber insgesamt für begrenzt. Er möchte den Fokus stärker auf Klimawandelanpassung und einen umfassenden Umweltschutz legen, bei dem etwa Ressourcenschonung und Reparieren statt Neukaufen eine wichtige Rolle spielen. Klimaschutz sei für ihn Teil eines größeren Umweltschutzbegriffs; Maßnahmen dürften nicht auf Kosten der Biodiversität gehen.

Den 2025 erarbeiteten Aktionsplan für Mobilität, Klima und Lärmschutz bezeichnet er als sehr ambitioniert und breit angelegt. Umsetzbar werde er erst, wenn er in kleinere, konkrete Projekte unterteilt werde. Am Beispiel der Ladeinfrastruktur fordert er eine klare Aufgabenverteilung zwischen Kommune und Wirtschaft; Unternehmen sollten im Rahmen marktwirtschaftlicher Anreize Innovationen vorantreiben, sofern die Stadt geeignete Flächen und Rahmenbedingungen schaffe.

Neue Baugebiete am Ortsrand hält Schiebel derzeit nicht für nötig. Stattdessen setzt er auf Innenentwicklung und Verdichtung, erleichtert durch neue rechtliche Möglichkeiten („Bauturbo“) etwa beim Bauen in zweiter Reihe. In vielen Stadtteilen gebe es große, kaum noch bewirtschaftete Grundstücke, deren Eigentümerinnen und Eigentümer oder deren Kinder zusätzlichen Wohnraum benötigten. Gleichzeitig müsse genug Grün erhalten bleiben, um innerstädtische Hitzeinseln zu vermeiden.

Finanzen, Prioritäten und Einnahmen

Trotz knapper Kassen nennt Schiebel drei Bereiche, in denen aus seiner Sicht nicht gespart werden darf: Vereinsförderung, kommunale Infrastruktur und Bildung. Vereine seien das Rückgrat des sozialen Miteinanders und für Gesundheit und Lebensqualität entscheidend; die Förderung müsse eher ausgebaut als gekürzt werden. Bei Gebäuden, Straßen und Netzen fordert er eine vorausschauende Sanierungsstrategie, da aufgeschobene Projekte deutlich teurer würden. Bildung beginne für ihn in Kitas und Kindergärten, die gute pädagogische Rahmenbedingungen bräuchten; Schulen müssten so ausgestattet sein, dass Lehrkräfte je nach Bedarf digital oder klassisch arbeiten können.

Einsparungen sieht er nur begrenzt möglich. Um den Haushalt zu stabilisieren, müsse vor allem die Einnahmenseite gestärkt werden. Statt weiterer Wohngebiete am Ortsrand plädiert er für eine gezielte Entwicklung von Gewerbe- und Industrieflächen, um sinkende Gewerbesteuereinnahmen aufzufangen. Wichtig seien Flächen für Neuansiedlungen und Erweiterungen, begleitet von aktiver Wirtschaftsförderung.

Zusammenhalt, Verwaltung und Ehrenamt

Den „Stutensee‑Gedanken“ hält Schiebel für zentral, jedoch immer bei Anerkennung der Eigenständigkeit der Ortsteile. Er verweist auf sein Engagement für die 50‑Jahr‑Feier der Stadt und auf die Wiederbelebung einer gesamtstädtischen IGV, damit Vereine stärker über Stadtteilgrenzen hinweg kooperieren und sich bei Veranstaltungen besser abstimmen. Auch wirtschaftlich will er die Stadtteile “zusammen denken”, etwa indem Orte ohne eigenes Gewerbegebiet von Einnahmen anderer profitieren.

Die Rolle des Oberbürgermeisters versteht er als “kommunikative Schaltstelle” in einem “Dreieck aus Gemeinderat, Verwaltung und Bürgerschaft”. Ein Oberbürgermeister müsse zuerst zuhören, Stimmungen aus der Bevölkerung aufnehmen und in die Verwaltung tragen, zumal viele Mitarbeitende nicht in Stutensee lebten. Er wolle den Dienstleistungsgedanken, den er aus seiner Arbeit im Fotostudio kenne, in der Verwaltung verankern und Abläufe gemeinsam mit den Beschäftigten auf ihre Notwendigkeit prüfen. Nach einem möglichen Wahlsieg würde er gerne einige Monate „als Praktikant“ durch die Ämter gehen, um Strukturen und Probleme aus erster Hand kennenzulernen.

Vereine, Feuerwehr und Ehrenamt will er entlasten, indem Gebühren und Hürden für Veranstaltungen, Hallennutzungen und bauliche Maßnahmen so gering wie möglich gehalten werden. Förderfähige Investitionen sollen weiterhin unkompliziert unterstützt werden; bei der anstehenden Überarbeitung der Vereinsförderung will er besonders sensibel vorgehen.

Erfolgskriterien

Woran wäre nach zwei, drei Jahren der Erfolg von Sven Schiebel als Oberbürgermeister zu erkennen? Messen lassen wolle er sich am Betriebsklima im Rathaus, sagt er. Zudem spiele die Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit der Verwaltung und seiner Arbeit eine große Rolle. “Die Menschen sollen erfahren, dass sie einen Oberbürgermeister haben, der erreichbar ist und der für ihre Belange ein Ohr hat und sich einsetzt.” Langfristig sollen die finanziellen Mittel der Stadt auf solide Beine gestellt werden.

Das Interview wurde am 23. April 2026 geführt.

Zu den Interviews mit den weiteren Kandidaten:

Bildquellen:

  • Gespräch OB-Kandidat Sven Schiebel: Annika Strohal
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