Von meinstutensee.de-Reporter Martin Strohal

Sven Schiebel, der Fotograf aus Blankenloch, fällt etwas aus der Reihe im Vergleich zu den anderen Kandidaten der Oberbürgermeister-Wahl. Er ist der einzige, der keiner Partei angehört und von keiner unterstützt wird. Dafür habe er Freunde, die ihn im Wahlkampf unterstützen, sagt er im Gespräch mit meinstutensee.de.

Ideen für seine Amtszeit hat er eine Menge. Lebensqualität ist eines der großen Schlagwörter. Er will beispielweise Naherholungsmöglichkeiten mit Spielplätzen und Grillgelegenheiten schaffen. Menschen aller Altersgruppen liegen ihm sehr am Herzen. Senioren will er wieder ins Leben holen, wie er sagt. „Denn ich glaube, Senioren haben viel zu geben, und wir können viel von ihnen lernen.“ Genauso macht er sich Gedanken über Kinderbetreuung. Kinder sollten eine Betreuungseinrichtung auch nur zwei oder drei Tage pro Woche besuchen können, nicht zwangsweise fünf. Außerdem müsse es eine offene Betreuungseinrichtung geben, die spontan einspringen kann, insbesondere für Familien, die hier keine Verwandtschaft haben.

Eine Außenentwicklung schließt auch er nicht aus. Aber mit Bedacht. Gewerbe wolle er auch weiter hier ansiedeln, aber nur, wenn auch Steuereinnahmen und Arbeitsplätze zu erwarten sind.

Zudem stehe er für Transparenz. Er wolle eine offene Bürotür haben und Bürger frühzeitig informieren, auch wenn er von allen Seiten Prügel bekomme. „Ich bin angreifbar, aber ich habe Rückgrat. Ich bin bereit, Ohrfeigen einzustecken“, so Schiebel.

Lesen Sie im Folgenden das vollständige Interview, das meinstutensee.de-Redakteur Martin Strohal am 13. Juni am Neuen Markt in Blankenloch führte.

 

meinstutensee.de: Wie sind Sie auf die Stelle des Oberbürgermeisters aufmerksam geworden und warum haben Sie sich beworben?

Sven Schiebel: Auf die Stelle bin ich aufmerksam geworden durch Gespräche mit Menschen im Ort. Da ich in Stutensee wohne und arbeite, bin ich natürlich immer in Kontakt mit Stutenseer Bürgern.

Hat Sie jemand angesprochen, dass das doch was für Sie sei? Oder hatten Sie schon länger vor, sich in die Richtung zu entwickeln?

Das war erst mal nur das Gespräch darüber. Da ich mit manchen Entscheidungen der Gemeinde schon seit Jahren nicht wirklich konform gehe, gab es den Gedanken schon dann und wann, ob vielleicht etwas mehr Offenheit, Bürgernähe und auch mehr an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Verwaltung nicht mal nötig wäre hier. Ich glaube, Stutensee braucht als nächstes nicht einen weiteren Verwaltungsfachwirt oder einen Juristen, sondern Stutensee braucht jemanden, der in Bezug auf die Dinge, die in den letzten 30 Jahren zu Bruch gegangen sind in dieser Entwicklung von dörflicher Gemeinschaft hin zur Stadt – und damit zur städtischen Anonymität -, wieder gegensteuert. Stutensee ist eine Große Kreisstadt, aber die einzelnen Ortsteile sind dörflich. Blankenloch hat schon einen etwas anderen Charakter entwickelt. Es ist städtisch geworden, was die Dorfgemeinschaft zunehmend verdrängt hat. Das beklagen viele Bürger.

Was würden Sie denn dagegen unternehmen wollen?

Es sind mehrere Dinge: Es beginnt mit der Stärkung der sozialen Infrastruktur. Momentan gibt es auf den Straßen nichts Einladendes. Es hält sich niemand mehr auf der Straße auf, nur um zu verweilen. Die Hauptstraße in Blankenloch hat im Sommer im Schnitt 2 Grad mehr als der Kaiserstuhl als heißester Teil Deutschlands. Eine Kultur, in der sich Menschen wieder auf der Straße treffen, fände ich gut. Außerdem möchte ich die Generationenzusammengehörigkeit stärken. Wir haben hier ein Mehrgenerationenhaus, in dem sich aber, was die Mehrgenerationenarbeit angeht, relativ wenig bewegt. Ich möchte eine Plattform schaffen, in der junge Familien und Senioren zusammenkommen können. Viele Familien haben keine Großeltern hier. Und viele Senioren haben keine Familien hier. Aber es gibt einen Bedarf auf beiden Seiten. Ich möchte auch mehr Veranstaltungen für Senioren haben. Früher gab es jährliche Reisen für Senioren. Da haben Senioren wieder zueinander gefunden. Auf jeden Fall aber nicht vier Seniorennachmittage im Jahr, sondern die Senioren miteinbeziehen, sie wieder ins Leben reinholen. Denn ich glaube, Senioren haben viel zu geben, und wir können viel von ihnen lernen.

Stutensee hat sehr wenige Naherholungsgebiete. Ich möchte gerne in den verbindenden Flächen zwischen den Ortsteilen Naherholungsmöglichkeiten schaffen. Ganz einfach zum Beispiel: die Straße zum Schloss Stutensee mit Sitzgelegenheiten ausstatten. Das kostet nicht viel. In Spöck, Staffort und Blankenloch haben wir Baggerseen. Die ließen sich sehr schön mit begrenzt großem Aufwand zu Naherholungsgebieten umfunktionieren. Man könnte Wege drum herum anlegen, ein paar Bänke hin. Da müssen nicht für 100.000 Euro Spielplätze gebaut sein. Das sind Kommunikationsräume, in denen Menschen sich begegnen können. Wir haben in Stutensee – außer beim Waldspielplatz in Spöck – keine Grillgelegenheiten. Ich hätte gerne eine Grillgelegenheit, die man sich anmieten kann für kleine Events, Familienfeier oder so etwas. Mir geht es um Lebensqualität. Das ist mein Hauptziel für Stutensee.

Wir leben in einer Welt, in der Kinder zum Teil mit wenigen Monaten in eine Krippe gegeben werden. Das bedeutet, sie baue keine gesunde Bindung, kein Urvertrauen zu den Eltern auf. Dieser Prozess läuft in den ersten eineinhalb Jahren der Entwicklung ab. In Schweden oder Norwegen werden Eltern mehr wertgeschätzt. Wenn dort jemand Elternzeit nimmt, sagen Freunde und Bekannte: „Klasse, dass du Elternzeit nimmst!“ Wenn hier jemand Elternzeit nimmt, heißt es: „Zu faul zum Arbeiten?“ Oder ich höre von Politikern „Herdprämie“. DAs ist eine Frechheit, denn kein Job ist so fordernd und anstrengend wie Kindererziehung. Familien sind die Basis. Auf der Familie basiert unser Friede und unsere Zusammengehörigkeit. Wenn ich die nicht fördere, kommt keine gute Entwicklung dabei heraus.

Sie kandidieren jetzt völlig allein, auf eigene Kappe, ohne Unterstützung durch irgendeine Partei. Haben Sie nicht die Idee gehabt, auf eine der hier vertretenen Parteien oder Wählervereinigungen zuzugehen, um zu fragen, ob sie Sie unterstützen wollen, um vielleicht auch eine größere Organisation im Rücken zu haben, die im Wahlkampf helfen kann? Oder machen Sie das jetzt alles alleine?

Ich habe gute Beziehungen zu allen Parteien. Ich hatte ein kurzes Gespräch mit den Freien Wählern, aber nicht als ihr Kandidat, weil ich ganz bewusst kein Kandidat für eine Partei sein will. Alle Parteien haben hier gute Themen auf ihrer Agenda. Aber es gibt eben auch viel, bei dem ich nicht mitgehen kann, weil mir zu viel Fraktionszwang herrscht. Ich glaube, dass alle Parteien hier dieselben Themen haben, aber in unterschiedlicher Priorität. Und über die müssen sie ständig streiten. Bei den einen kommt die Wirtschaft weiter vorne, bei den anderen die Natur. Ich glaube, ein Bürgermeister hat die Aufgabe, die Fraktionen mehr zu einer Zusammenarbeit zu bringen, als einer Partei zugehörig zu sein oder in die Richtung gestellt zu werden. Sollte ich Bürgermeister werden, ist die Bürotür immer offen, weil ein Bürgermeister in meinem Denken ein Diener seiner Bürger ist. Er ist von ihnen beauftragt, in ihrem Sinne die Verwaltung zu führen. Und er muss in die Sprache der Bürger übersetzen, was die Verwaltung eigentlich meint.

Verfolgen Sie die Vorgänge hier schon länger?

Ja, ich könnte auch gar nicht darum herum kommen. Ich lebe hier. Ich müsste Augen und Ohren verschließen, um hier nichts mitzubekommen.

Was ist Stutensee für Sie? Ist es mehr eine Ansammlung eigenständiger Dörfer oder eine zusammenwachsende Stadt?

Ich bin drei Jahre vor der Gründung der Gemeinde Stutensee geboren. Die ursprünglichen Gemeinden haben sich unterschiedlich entwickelt. Sie haben im Herzen ihren Dorfcharakter behalten. Das ist gut so. Durch die stadtfördernde Politik haben sie aber auch viel verloren. Gerade im innerörtlichen sozialen Gefüge.

Lachwald und Bürgerbeteiligung

Auf welcher Seite standen Sie bei dem Bürgerentscheid?

Ich stand auf der Seite der Bürger, aber mit Kritik, auch an der Vorgehensweise. Ich habe ein unglaublich tolles Gefühl von Solidarität hier erlebt, dass Menschen endlich aufstehen und ihre Meinung kundtun.

Wie wären Sie als Oberbürgermeister mit der Sache umgegangen?

Das Bedürfnis, den Lachwald zu einer Siedlung zu machen, ist vielleicht gar nicht so dringend. Denn wir haben in Stutensee mehrere Dutzend leerstehende Wohnungen und Häuser, die Menschen gehören, die sie nicht mehr vermieten, weil sie schlechte Erfahrungen mit Mietern gemacht haben. Im Haushalt einer Stadt gibt es mehrere Posten für soziale Arbeit. Ich stelle mir vor, dass es ein Ressort gibt, das diesen Menschen hilft, diese Wohnungen wieder zu vermieten, und bei Auswahl und Abrechnung und dergleichen. Das funktioniert in anderen Städten auch.

Zum Thema Lachwald: Eigenheime zu solchen Konditionen, wie sie hier geschaffen werden, sind kriminell. Junge Familien sollen gelockt werden, Wohnungen zu bauen, z.B. im Lachenfeld. Quadratmeter als Gebot ab 450 Euro. Das ist der Startpreis. Es hat keine Woche gedauert, da lagen wir bei 670 Euro. Das ist nicht sozialverträglich. Wenn ich Familien das Bauen ermöglichen möchte, gibt es kein Gebot. Selbst wenn es ein Bieterverfahren gibt, ist kein einziger Bauträger drin. Wenn ich einen Bauträger reinhole, gehen die Preise nach oben. Die Grunderwerbsteuer steigt, wenn ich ein Grundstück mit Haus kaufe. Das ist eine Ohrfeige für jeden einzelnen Bürger.

In Friedrichstal hat das bei „Wohnen mit der Sonne“ besser geklappt. Da wurden soziale Kriterien angesetzt, es gab kein Bieterverfahren.

So stelle ich mir das vor. Aber ich habe auch einen anderen Gedanken, wenn es um Bauen geht: Soziale Kriterien stehen an erster Stelle. Aber warum muss ich Grundstücke verkaufen – außer wenn die Kassen der Stadt leer sind? Ich kann Erbpacht machen, zum Beispiel in Industriegebieten. Die Stadt Wien ist weltweit der größte Vermieter. Die meisten Wohnungen in Wien gehören der Stadt, das sind etwa eineinhalb Millionen Wohnungen.

Woher soll die Stadt das Geld für Investitionen nehmen, wenn sie keine Grundstücke mehr verkaufen kann?

Das ist ein langwieriger Prozess, weil schon viel zu lange schlecht gewirtschaftet wurde. Da will ich mir noch die Zahlen besorgen, was wir an Zinsen bezahlen. Für die erste Zeit wäre ein gutes Haushalten mit dem Abbau von Schulden vonnöten. Abbau von Schulden bedeutet auf längere Sicht, mehr liquide Mittel zu haben, weil diese nicht für Zinsen ausgegeben werden müssen. Förderung der Wirtschaft – aber der Wirtschaft, die auch Steuern bezahlt. Wenn ich Firmen hier ansiedeln will, dann hätte ich gerne Firmen, die hier ihre Steuern bezahlen, die Arbeitsplätze für Menschen von hier schaffen, die nicht ihre Mitarbeiter mitbringen. Diese Firmen muss ich nicht fördern. Das ist wichtig, damit Geld in die Kassen kommt. Außerdem ist wichtig, dass ich die Infrastruktur hier, was Wirtschaft angeht, verbessere, damit die Menschen ihr Geld auch hier ausgeben können. Wenn ich es schaffe, dass die Menschen, die hier wohnen, ihr Geld auch hier ausgeben, fließt das auch in Form von Steuern wieder zurück. Eine Kommune könnte theoretisch von sich selbst leben, wenn der Anteil der Verwaltung nicht ganz so groß wäre. Ich glaube nicht, dass die Verwaltung verkleinert werden muss, ich würde sie aber gerne effizienter machen. Jeder Mitarbeiter hat die größte Kompetenz in seinem eigenen Aufgabengebiet. Er weiß, wie viel unnützen Kram er machen muss, den man reduzieren könnte.

Kommen wir zum Thema Bürgerbeteiligung: Wie würden Sie als Oberbürgermeister mitbekommen, was die Leute bewegt, und wie würden Sie sie in die Prozesse einbinden wollen?

Es gab um die Jahrtausendwende die „Agenda 21“. In dem Zuge wurde Bürgerbeteiligung in Stadtentwicklungsmaßnahmen aufgenommen, Stadtentwicklung, Umweltentwicklung usw. Das war eine gute Basis, sie war nur etwas zu politisch. Durch meine Tätigkeit in Beratung und Coaching helfe ich Einzelpersonen, aber auch Gruppen, im Leben weiterzukommen. Was mache ich, wenn eine Familie zerstritten ist? Ich bringe sie zusammen und zeige erst einmal die einzelnen Seiten auf. Dann können wir gemeinsam beginnen, Prioritäten zu setzen. Aber das tun wir gemeinsam. Nicht als eine Fraktion gegen eine andere. Dann muss der Bürgermeister in der Mitte stehen und sich von allen Seiten beschimpfen lassen, aber er muss schauen, dass Menschen draus werden, die gemeinsam irgendwohin gehen. Ich glaube, das kann ich besser als ein Verwaltungsmensch.

Und wie würden Sie die Bevölkerung mitnehmen, dass es so etwas wie den Lachwald nicht noch einmal gibt?

Indem ich vorangehe, indem ich offen kommuniziere: „Wir machen uns Gedanken, das Gebiet als Baugebiet auszuweisen.“ Nicht erst ausweisen und dann bekannt machen, sondern mit den Bürgern. Ich bin Diener meiner Bürger. Wir sind zuerst in einem offenen Dialog – ich kann geheime Sitzungen bis heute nicht verstehen. Ich bin angreifbar, aber ich habe Rückgrat. Ich bin bereit, Ohrfeigen einzustecken.

Meinen Sie, Stutensee braucht weiteres Wachstum?

Stutensee braucht ein ganz intensives Wachstum – im sozialen und zwischenmenschlichen Bereich.

Aber keine neuen Wohngebiete in der Außenentwicklung?

Das muss die Zukunft zeigen, was wirklich vonnöten ist. Wir sind im Einzugsgebiet der Technologieregion. Wichtig ist, erst einmal die verbleibenden Möglichkeiten wie Aufstockung und Verdichtung auszuschöpfen, dann zu sehen, was wir brauchen und in welchem Maß. Das Maß ist immer wichtig. Für eine Stadt ist Wachstum in der Bevölkerung meist verbunden mit dem Freisetzen von monetären Mitteln durch Ausweisung von Baugebieten. Das wiederum sollte nicht der Grund sein. In der Natur wächst nichts ungebremst. Ungebremstes Wachstum – wie von den Ökonomen in den letzten 60 Jahren propagiert wird – ist widernatürlich. Jegliche Vegetation breitet sich so weit aus, wie es Ressourcen gibt. Die Ökonomie sagt anderes.

Sie würden Stutensee also nur mit Bedacht weiterentwickeln?

Mit Bedacht, ja.

Finanzen

Die finanziellen Mittel sind knapp. Welche Ideen hätten Sie für den städtischen Haushalt? Muss Stutensee vielleicht den Gürtel enger schnallen?

Um die Finanzen der Stadt zu stabilisieren, ist in erster Linie die vorhin erwähnte Reduzierung der Schulden nötig, die unter Umständen manche Investitionen etwas verzögert.

Wie stehen Sie zum Gewerbegebiet „Blankenloch West“? Die Bürgerinitiativen hatten vorgeschlagen, dort Mischgebiet zu machen, um gleich Wohnraum mitzuschaffen. Wie sehen Sie das?

Ein Gewerbegebiet ist dann sinnvoll, wenn es der Kommune nützt. Ich weiß nicht, wie der aktuelle Preis für Gewerbeland ist. Aber das bringt nur bedingt und kurzfristig Geld ein. Wir haben eine Verantwortung der nächsten Generation gegenüber, vernünftig zu haushalten. Wenn wir alles Tafelsilber verkloppen, dann bleibt nichts mehr. Das hat Stutensee getan. Das Tafelsilber ist schon lang weg. Wir verkaufen gerade die Tischdecke. Das ist kein guter Weg.

Was würden Sie stattdessen machen? Gar kein Gewerbegebiet? Oder mit Wohnen dazu?

Wenn ein Gewerbegebiet nötig ist, dann ein Mischgebiet. Denn in einem Mischgebiet gibt es die Chance, viel mehr kleine und mittlere Firmen anzusiedeln, die inhabergeführt sind, als in großen Industriegebieten, die für große Firmen, die von extern kommen, attraktiv sind. Aber wenn ich es nicht brauche, würde ich es erst einmal so lassen.

Natur

Welche Rolle spielt die Natur für Sie?

Ich habe es ja vorhin schon erwähnt: Die Stadtteile haben sich in den letzten 30 Jahren nicht nur positiv entwickelt. Das ist das, was in den letzten 30 Jahren passiert ist. Immer mehr Grünflächen sind aus den Ortskernen verschwunden. Warum haben wir in Blankenloch dieses unangenehme Klima? Wir haben nichts, das das Klima durch Verdunsten regulieren kann, wir haben nichts, das Schatten spenden kann, wir haben nichts, das die Luft am Aufheizen hindert. Wir haben Stein, Pflaster, Asphalt, Stein, Pflaster, Haus.

Könnte man dagegen etwas tun?

Man hätte die Flächen zwischen den Schienen begrühnt befahrbar machen können wie im oberen Teil der Hauptstraße. Man hätte Flächen auch einfach frei lassen können. Solche Inseln mit Bäumen und Brunnen wie Hauptstraße/Ecke Wiesenstraße hätte man in größerer Anzahl verteilen sollen. Den anderen Ortsteilen geht es ganz ähnlich. Die Linde an der Löwenstraße in Friedrichstal hat immerhin schätzungsweise sechs Quadratmeter Erde um sich herum. Und es gibt den Marktplatz um die Kirche, aber das ist auch nicht in der Ortsmitte.

Im Neubaugebiet werden jetzt mehrere Versickerungsgrünflächen angelegt.

Die sollte man auf jeden Fall – wo möglich – einrichten. Bei jeder Neuplanung, bei Sanierungsmaßnahmen sowieso. Und die Hauptstraße in Blankenloch würde ich gerne verkehrsberuhigen. Sie ist immer noch eine recht stark befahrene Straße, die durch zu hohe Geschwindigkeiten unsicher wird. Ich würde die Möglichkeiten prüfen lassen, was wir an Pflanzungen anbringen könnten und zwar nicht in Kübelform, sondern richtig eingebaut. Das ist natürlich eine Geldfrage – das geht in der ersten Zeit nicht, sondern ist ein längeres Ziel. Weiterhin würde ich gerne prüfen, ob es so etwas wie einen „grünen Geradeauspfeil“ für Fahrradfahrer gibt. Dann müssten diese nicht an roten Ampeln warten, nur weil parallel eine Bahn fährt. Das würde die Stadt für Radfahrer attraktiver machen, für Autofahrer weniger. Ich bin Vielfahrer und finde es trotzdem gut. Aber es ist einfach für das Klima in der Stadt und den Aufenthalt an der Straße angenehmer.

Gibt es etwas, das Stutensee hinsichtlich des Bienen- oder Insektensterbens tun könnte?

Ja, die vorhin erwähnten Naherholungsgebiete sind natürlich frei von Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln. Naherholungsgebiete wären für mich Baggersee Blankenloch, eventuell Vogelpark, Baggersee Staffort, Baggersee Spöck. Ortsnahe Gebiete, die in Gemeindebesitz sind, würde ich genauso mit einbeziehen und dort Pflanzungen von heimischen Gewächsen vornehmen. Teile des gemeindeeigenen Forsts können in den unwirtschaftlichen Randgebieten renaturiert werden, ein so genanter Urwald. Dieser bietet vielen heimischen Tieren einen Lebensraum.

Sehen Sie Bedarf, etwas in Richtung „grüner Mobilität“ zu tun, also z.B. ÖPNV, Ladestationen für Elektroautos, Carsharing?

Ich würde in den öffentlichen Nahverkehr natürlich gerne Staffort mit einbeziehen, was leider ein sehr langer Prozess ist. Vielleicht auch mit den dahinter liegenden Gebieten, eine Route Staffort – Leuthard. Ich werde da nicht locker lassen. Dinge wie grüne Mobilität sind eigentlich Faktoren, die selbstregulierend sind. Mehr Bedarf bringt diese automatisch mit sich. Da würde ich von unserer Seite keinen Bedarf sehen. Genauso Carsharing. Je mehr das genutzt wird, desto mehr Flächen werden eingerichtet.

Jugend

In Blankenloch gibt es ja den GrauBau als Jugendzentrum. In den anderen Stadtteilen gibt es nichts, wo aktive Ansprache von Jugendlichen stattfindet. Was würden Sie für die Jugendlichen tun?

Ich würde die Jugendlichen mit einbeziehen in die Gestaltung der Plätze, an denen sie sich aufhalten können. Ich würde fragen, was sie sich wünschen und offene Angebote im Jugendzentrum wie auch außerhalb, z.B. in Friedrichstal bei den Pfadfindern oder dem alten Bahnhof, machen. Da muss Raum sein mit einem Sozialarbeiter oder einer Initiative von Vereinen. Spöck hat einen sehr aktiven CVJM, der in dem Bereich viel an offenen Treffs anbietet. So etwas muss gefördert werden. Wenn ich eine attraktive Innenstadt habe, verteilen sich Jugendliche auch. Dann habe ich keine Problemzonen.

Thema „Jugend reinholen“: Es gab ja neulich das erste Jugendforum in Stutensee. Würden Sie solche Dinge fortführen?

Die Jugend ist die nächste Elterngeneration. Ich binde sie nicht ein, indem ich ein Forum veranstalte, zu dem sie kommen müssen. Sondern ich muss rausgehen, dorthin, wo sie sind. Die, die zu einem Forum kommen, sind die, die sich auch anderweitig schon betätigen. Also ziehe ich meine Krawatte aus, knöpfe mein Hemd auf und gehe mittwochs abends auf den Spielplatz oder hinter die Festhalle – ich als Person oder unsere Sozialarbeiter im Ort – und suche den persönlichen Kontakt zu der Jugend.

Allgemeines

Welche Themen würden Sie als erstes anpacken, wenn Sie die Wahl gewinnen würden?

Die Bürgerbeteiligung: Ich würde die Bürger zum Dialog einladen, um alle Wünsche zu hören und Bedürfnisse zu erfahren. Ich würde anfangen, das Arbeitsumfeld im Rathaus mitarbeiterfreundlicher zu gestalten. Dann brauchen wir sicher Spielplätze, haben aber nicht mehr das Geld dafür. Wir sind ein Land der Heimwerker! Ich hätte gerne auf jedem Spielplatz sanitäre Anlagen. Das ist ein teures Thema. Zur Not mit Reinigung durch die Stadt, aber gerne durch eine Bürgerinitiative oder einen Verein. Spielplatzpaten gibt es auch in anderen Städten. Alles, was ich vorschlage, gibt es woanders bereits, in anderen Ländern ist das zum Teil sogar Standard.

Als nächstes: Offene Betreuungs- und Erziehungskonzepte. Eltern müssen aktuell den Kindergarten immer für die ganze Woche buchen. Ich würde gerne Eltern die tagesweise Buchung ermöglichen, also dass ein Kind nur zwei oder drei Tage pro Woche in den Kindergarten geht. Da entsteht Gemeinschaft genauso. Ich möchte außerdem Betreuungsmöglichkeiten schaffen, die ganz offen sind. D.h. ich habe ein Kind, muss aber überraschend mehrere Male einmal pro Woche weg. Da möchte ich eine Möglichkeit haben, wo ich Kinder abgeben kann, nachdem ich sie dort vorgestellt habe. Das funktioniert in anderen Städten auch, zum Beispiel in Nürnberg und Erlangen. Das ist mir wichtig.

Wovor haben Sie am meisten Respekt, wenn Sie das Amt antreten würden?

Vor allem und vor nichts. Ich halte nicht gerne Reden. Verwaltung ist auch etwas sehr Anstrengendes, weil sie der menschlichen Natur nicht entspricht. Aber ich freue mich auch auf all diese Dinge, wenn ich dadurch etwas verändern kann.

Wie ist Stutensee Ihrer Meinung nach allgemein aufgestellt? Was ist besonders positiv, wo gibt es Defizite?

Klasse Lage, klimatisch könnte es besser nicht sein – vielleicht etwas weniger feucht. Aber Stutensee hat leider wenig Charakter. Stutensee entwickelt sich zu einer Stadt, in der man vorwiegend wohnt, aber nicht sozial interagiert. Da liegt das größte Potenzial. Das möchte ich fördern.

Haben Sie eine Vision, wie sich Stutensee in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten entwickeln soll? Wie wird Stutensee aussehen?

Stutensee ist eine Stadt, in der Menschen ihre Nachbarn wieder kennen und sich engagieren, weil das, was sie tun, wertgeschätzt wird und weil sie sehen, dass es etwas bewirkt. Drei der Grundbedürfnisse der Lebenszufriedenheit. Wir haben eine Verwaltung und einen Gemeinderat, der pro Bürger eingestellt ist, nicht pro Selbsterhalt. Und Stutensee hat im Umfeld einen guten Ruf, weil es eine Stadt ist, in die man gerne kommt. Wir könnten hier zum Beispiel touristisch der Knotenpunkt werden zwischen dem Kraichgau-Stromberg-Radwegenetz – wovon wir der südöstlichste Zipfel sind – und dem Radwegnetz Vorderpfalz/Pfälzer Wald bei Leimersheim sein.

Wie schätzen Sie angesichts der Konkurrenz Ihre Chancen ein? Die anderen werden alle von Parteien oder Organisationen unterstützt, zum Beispiel beim Plakateaufhängen…

Ich habe Freunde.

Ich habe mehr zu bieten als die anderen, weil ich nicht an Fraktionen gebunden bin. Ich kann viel individueller auf die Bedürfnisse eingehen, weil ich mich nicht einer Partei gegenüber rechtfertigen muss. Das ist das Wichtigste in Stutensee, frei von den Fraktionen zu sein. Verpflichtet jedem einzelnen Bürger. Mit offenen Ohren und dem Herzen für Stutensee. Durch Freunde und Familie bin ich jedem Ortsteil gleichermaßen verbunden.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Bearbeitung am 23.06. 2018: Auf Wunsch von Herrn Schiebel wurden folgende Änderungen vorgenommen, weil er sich in der Schriftform nicht korrekt wiedergegeben sah: „Da könnte ich aggressiv werden, obwohl ich kein aggressiver Mensch bin.“ in Bezug auf die „Herprämie“ wurde ersetzt durch „Das ist eine Frechheit“. „Durch diese gestörte Bindung werden Menschen bösartig, exzentrische Egomanen.“ in Bezug auf frühkindliche Bindung wurde entfernt. Zudem wurden die Namen von zwei exemplarisch genannten Unternehmen entfernt, die in Stutensee keine Steuern zahlen.

 


Die Interviews aller Kandidatinnen und Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl:

Bildquellen

  • Sven Schiebel: Sven Schiebel
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