Pfarrer Müller verlässt Staffort

Pfarrer Holger Müller

Beitragsbild: Martin Strohal

Von Martin Strohal | 07.11.2023 7:23 | Keine Kommentare

“Duo Camillo”: Martin Schultheiß und Fabian Vogt mit Pfarrer Holger Müller

Holger Müller verlässt Staffort Ende November. Seit 2015 war er evangelischer Pfarrer der Kirchengemeinde Staffort-Büchenau. Ihn zieht es nach Neulingen-Bauschlott. Am 26. November wird er von seiner Gemeinde verabschiedet.

Acht Jahre war Holger Müller Pfarrer in Staffort. Immer wieder zeigte er, dass Kirche auch unterhaltsam und selbstkritisch sein kann. Nach “Deutschland macht den Kelch-Test” 2015 mit Ingmar von Maybach-Mengede folgte das “Duo Camillo” mit “Im Himmel ist ‘ne Party“.

Das kulturelle und historische Interesse Müllers zeigte sich auch darin, dass er ein Original des “Stafforter Buchs” nach Staffort holte und es ins heutige Deutsch übersetzte. An der Ausstellung über den Luftangriff auf Staffort im Zweiten Weltkrieg war er beteiligt, ebenso an der Gedenkfeier.

Musikgruppe “HimmelsBande” (Müller am Klavier vorne links)

Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach waren in den letzten Jahren zweimal auf Einladung Müllers zu Gast in der Stafforter Kirche mit ihren musikalischen Theaterstücken über Luther und Bonhoeffer.

Müller selbst war auch aktiv. Gemeinsam mit anderen gründete er 2021 die ökumenische Band “HimmelsBande” – aus der Not heraus, wie er sagt, weil eine andere Musikgruppe kurzfristig absagen musste. Für die weitere Existenz der Gruppe gibt er Entwarnung: “Wir wollen, mit inzwischen weit über 100 Liedern im Repertoire, soweit irgend möglich weiter zusammen spielen, zumal Bauschlott ja ‘nicht aus der Welt’ ist.” Dennoch sei Ergänzung bei Bass oder Schlagzeug willkommen.

Nun zieht es Müller nach Bauschlott, insbesondere weil ihn das Klima im Oberrheingraben belaste und er wieder durchatmen wolle.

Interview mit Pfarrer Holger Müller

meinstutensee.de: Seit wann sind Sie Pfarrer in Staffort-Büchenau?

Müller: Meinen Dienst hier in Staffort-Büchenau und Weingarten trat ich – nach rekordverdächtigen nur drei Monaten Vorlauf – zum 1. Oktober 2015 an und wurde im Erntedankfest am darauffolgenden Sonntag eingeführt. Anfang August hatte ich mich der Gemeinde in einem Gottesdienst mit Aussprache vorgestellt.

Weshalb haben Sie sich dazu entschieden, eine neue Stelle zu suchen?

Nach 19 Jahren als Gemeindepfarrer auf der Insel Reichenau mit wechselnden weiteren Aufgaben in Konstanz neigte sich auch meine letzte, allerdings befristete Aufgabe dem Ende zu: Als evangelischer „Konzilsbeauftragter“ konnte ich „600 Jahre Konstanzer Konzil (1414-1418)“ ökumenisch und international in bis zu sechs Sprachen mitgestalten. Familiär neigte sich die Schulzeit der Kinder dem Ende zu, und unsere Mütter leben beide in der Region zwischen Karlsruhe und Stuttgart. Mein neuerlicher Wechsel nach Bauschlott ist gesundheitlich bedingt. Meine Frau und ich rücken unseren betagten Müttern noch ein gutes Stück näher; mir selbst erhoffe ich aber klimatisch bedingt mehr Luft zum Durchatmen. Acht Jahre „Tropeneinsatz“ im Oberrheintal wurden für mich als Allergiker und Asthmatiker zu einer zunehmenden Belastung, sodass ich mir in auf der „Bauschlotter Platte“ eine gewisse Erleichterung zugunsten meiner Einsatzfähigkeit erhoffe.

An welche Höhepunkte denken Sie, wenn Sie auf ihre Zeit in Staffort zurückblicken?

Stafforter Buch – mitinitiiert von Pfarrer Müller (hinten rechts)

Am eindrucksvollsten ragen für mich heraus: Zum einen der Besuch von fast 20 Delegierten der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen aus aller Welt in unserer Stafforter Kirche am 3.9.2022. Neben der Vorstellung der englischsprachigen Ausgabe des bereits 1599 um Ökumene bemühten “Stafforter Buchs“ und berührenden Statements zum angefochtenen Leben als Christen in ihrem jeweiligen Heimatland war für die Gäste die Turmbesteigung mit Besuch der Glockenstube die Erfüllung ihres vielfach geäußerten Wunsches.

Zum anderen die in vielerlei Hinsicht Versöhnung stiftenden Gedenkfeiern 75 Jahre nach der Bombardierung von Staffort, Büchenau, Spöck und Bruchsal im Frühjahr 2020 gemeinsam mit Prof. Manfred Raupp, Wilfried Süß, Erich Strobel und dem leider inzwischen verstorbenen Ludwig-Wilhelm Heidt im Vorbereitungsteam.

Ev. Pfarrer Holger Müller, kath. Pfarrer Jens Maierhof bei der Gedenkfeier zur Stafforter Bombennacht

Die Enthüllung der Gedenktafel für die sieben jungen Kanadier, die beim Abschuss ihres Lancaster-Bombers in der Bombennacht vom 1./2. Februar 1945 starben, durch den British Royal Air Force Oberst Mark Heffron fand inzwischen seine Fortsetzung in der Enthüllung der kirchlichen Gedenktafel für alle Opfer von Krieg, Gewalt und Terror am Totensonntag 2022, und nun in der „Pilgrimage“ von Diakonin Elke Seiter, Pfr. Jörg Seiter und mir im Oktober 2023 nach Coventry als wichtigem Schritt hin zur Aufnahme der Region Stutensee-Weingarten-Bruchsal in die Internationale Nagelkreuz-Gemeinschaft von Coventry.

Im Zuge dessen gelang uns ein Abstecher zum einzigen deutschen Soldatenfriedhof in England, „Cannock Chase“  nahe der Stadt Stafford mit über 5.000 Gräbern, und zur Anglikanischen Gemeinde von St. Chad und St. Mary in Stafford-City. Daraus könnte sich eine kirchliche Partnerschaft zwischen Stafford einerseits und Staffort beziehungsweise der Region Stutensee-Weingarten andererseits entwickeln, die sich gerne auch zur Städte-Partnerschaft auswachsen darf: Dazu suchen wir viele aufgeschlossene ChristInnen und BürgerInnen hier vor Ort, die sich – digital und analog, per Zoom und durch Begegnungsreisen – darin engagieren möchten!

Weitere Höhepunkte waren die Restaurierung von Glocken, Glockenstuhl und Kirchturmuhr, das „Heimholen“ eines Originaldrucks des „Stafforter Buchs“ nach Stutensee und seine Neuveröffentlichung in heutigem Deutsch, sowie der gemeinsam mit Jeff Klotz verfasste Kirchenführer zur Evangelischen Kirche Staffort in drei Auflagen.

Was wird in Staffort von Ihnen bleiben? (Oder was würden Sie sich zumindest erhoffen, dass bleibt?)

Vor allem eine Fortsetzung und Vertiefung der in der vorangehenden Antwort beschriebenen Begegnungen und daraus erwachsenden Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen, Konfessionen und Weltanschauungen im Geist der Versöhnung und des Friedens. Ich fände es wunderbar, wenn wir auch den Volksbund für Kriegsgräberfürsorge und unsere Bundeswehr Paten-Kompanie in Bruchsal als aktive Mitwirkende in diesem Versöhnungsprozess auf dem Weg zu tragfähigen Partnerschaften  einbinden könnten.

Dies möge auch zum Zusammenwachsen der evangelischen und katholischen Gemeinden, der Liebenzeller und der AB-Gemeinschaften in Stutensee und Weingarten beitragen, wenn irgend möglich auch im Rahmen des für 2025 anvisierten, zweiten „Zeltfestivals“ in Friedrichstal! Schon seine „Erstausgabe“ 2018 hat immens zu weiter wachsender Kooperation in der regionalen Ökumene angeregt!

Pfarrer Holger Müller beim Klingenden Advent

Wie geht es nach Ihrem Weggang in Staffort weiter? Wird die Nachbesetzung direkt mit dem Umgestaltungsprozess der evangelischen Kirche verbunden und die Stelle reduziert?

Zunächst erwartet meine bisherige Gemeinde Staffort-Büchenau eine klassische Vakanzzeit. Da von den derzeit 5,5 Pfarrstellen in der Region Stutensee-Weingarten erst bis Ende 2031 eine ganze, und bis Ende 2035 – aus personellen wie finanziellen Gründen – eine weitere halbe Pfarrstelle wegfallen muss, sollte es hoffentlich möglich sein, für die doch erhebliche Zeit bis dahin im Laufe von 2024 eine neue Stelle auszuschreiben und auch zu besetzen, die dann in zunehmendem Maße nicht nur Aufgaben vor Ort, sondern für die ganze Region beinhaltet. Diese Entwicklung gilt aber Zug um Zug auch für alle weiterbestehenden Pfarrstellen, um sich so künftig gegenseitig gleichermaßen zu ergänzen und zu entlasten. – Das entspricht einem Trend, der in ganz Europa zu verzeichnen ist, und so auch an meiner künftigen Stelle Neulingen-Bauschlott, Region Badischer Enzkreis Ost, Unterregion Kieselbronn – Dürrn – Göbrichen – Bauschlott.

Worauf freuen Sie sich in Ihrer künftigen Gemeinde, das Ihnen in Staffort vielleicht gefehlt hat?

Vordergründig klimatisch gesehen hoffentlich mehr Luft zum Durchatmen. Acht Jahre „Tropeneinsatz“ im Oberrheintal wurden für mich als Allergiker und Asthmatiker zu einer zunehmenden Belastung, sodass ich mir in Bauschlott eine gewisse Erleichterung zugunsten meiner Einsatzfähigkeit erhoffe.

Ich freue mich auf einen Neuanfang mit der durch drei Jahre Vakanz in ihrer dynamischen Selbständigkeit gefestigten Gemeinde. Ich hoffe, ihr in meinen verbleibenden Jahren im aktiven Dienst in Verkündigung und Seelsorge befreiend und tröstend zur Seite stehen zu können; dies allerdings als voraussichtlich letzter „eigener Pfarrer vor Ort“.

Die wegen plötzlicher Setzungsrisse ganz gesperrte klassizistische Gemeindekirche hoffen wir in den nächsten Jahren zu sanieren, um sie endlich wieder nutzen zu können. Bis dahin feiern wir im Gemeindehaus Gottesdienst, was uns helfen dürfte, uns umso mehr auf das Eigentliche und Wesentliche zu konzentrieren: auf die froh machende und befreiende Botschaft von Jesus Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn und Retter nicht nur für die ganze Menschheit, sondern für die universelle Schöpfung. – Das ist keineswegs ein  Absolutheitsanspruch einer Weltreligion gegenüber allen anderen Religionen und Weltanschauungen, sondern wohlgemerkt Jesu eigener Anspruch oder besser gesagt seine Verheißung an alle, für alle gleichermaßen. Da wir uns vorab noch kaum kennen, freue ich mich auf vielfältige beiderseitige Überraschungen im Zuge des näheren Kennenlernens beim gemeinsamen Singen und Beten, Hören und Handeln, Diskutieren und Planen, öffentlich Bezeugen und etwas Bewegen … im Dienst und im Geist der wahrhaftigen Liebe Gottes. – Gefehlt hat mir all dies qualitativ in Staffort-Büchenau freilich nicht; vielmehr begegnet es mir sehr wohl auf hier typische Weise, anders als überall sonst. Quantitativ hätte ich mir allerdings eine sehr viel größere aktive Beteiligung an Gottesdienst und Gemeindeleben gewünscht; denn die Region hat als Erweckungsgebiet seit der Zeit von Aloys Henhöfer immerhin einen guten Ruf zu verteidigen. Vielleicht gelingt ihr dies mit meinen NachfolgerInnen und KollegInnen in der Region ja auch wieder einmal mehr als zuvor, mit vereinten Kräften in der ganzen Region.

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